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Was nützt die Kunst dem Klima?

Vier Menschen sitzen in einem Glashaus. Von der Decke hängen Pflanzen, Globen und Lampen.

Ein Blues für den Gletscher und Labore für eine andere Gesellschaft

Die Initiative klimakultur.tirol macht sichtbar, welche Rolle Kunst und Kultur als positive Kräfte im Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft spielen können. In den letzten drei Jahren ist viel passiert. Denn langsam ist allen klar, dass sich der Diskurs um die Nachhaltigkeit nicht auf technische Aspekte beschränken darf.

Wenn einer der weltweit führenden Klimaforscher und Glaziologen mit einem bildenden Künstler und Musiker diskutiert, ist nicht unbedingt zu erwarten, dass die beiden vom Selben sprechen. Auch wenn zweiterer schon einen „Blues for the Glacier“­ am schwindenden Rhonegletscher gespielt hat, wo mit Tüchern versucht wird, das Schmelzen des Eises zu verlangsamen, möchte man nicht denken, dass zwischen ihm und dem Wissenschaftler und Mitwirkenden im Weltklimarat der Vereinten Nationen übereinstimmende Wahrnehmung herrscht. Und doch – beide reden davon, dass es heute in der Klimadebatte nicht mehr darum gehe, hermetische Gesichtspunkte zu vertreten, sondern um Dialog und Vertrauen. Dass es über die Disziplinen hinweg eine Symbiose der Verantwortlichkeit brauche und statt fiktiver Superhelden tragfähige Netzwerke der Zivilgesellschaft. Und, dass uns Faktenvermittlung oft nicht mehr zum Handeln bewegen kann, weil es dem Vokabular der Nachhaltigkeit an Seele fehlt. Der in Innsbruck lehrende, kürzlich emeritierte, Wissenschaftler Georg Kaser und der Schweizer Künstler George Steinmann bringen auf den Punkt, wie sehr sich ihre Disziplinen im Grunde verstehen. Beide haben sie forschenden Charakter, denken ganzheitlich, stellen andere Fragen, öffnen andere Diskursräume und haben andere Werkzeuge zur Verfügung als Politik und Wirtschaft. Die Umweltpädagogin Miriam Bahn als dritte Gesprächsteilnehmerin ergänzt dazu Aspekte aus der Bildung und Pädagogik und betont die Wichtigkeit „vom Wandel als etwas Positives zu sprechen und damit ins Tun zu kommen.“ Alle drei sind sich einig darüber, dass Kunst und Kultur unverzichtbar sind, um den nicht mehr aufzuhaltenden Klimawandel „by design statt by disaster“ zu erleben. Worum es nämlich geht, ist gemeinsam nicht weniger als eine fundamentale kulturelle Neuausrichtung der Gesellschaft zu erreichen.

Vier Menschen sitzen in einem Glashaus. Von der Decke hängen Pflanzen, Globen und Lampen.
Forum Klimakultur 2021 im Botanischen Garten Innsbruck, v.l.n.r. Sebastian Possert, George Steinmann, Miriam Bahn, Georg Kaser, © Atelier für Zeitreisen

Genau dieses gemeinsame Nachdenken darüber, was das utopische und kreative Potenzial von Kunst und Kultur im Klimaschutz ausrichten kann, war Zweck des zweiten Forum Klimakultur in Innsbruck, in dessen Rahmen das interdisziplinäre Gespräch im Sommer 2021 stattfand und filmisch dokumentiert wurde. Veranstalterin war die Initiative klimakultur.tirol, ein loser Verbund von zwölf lokalen Organisationen und Akteur*innen, die sich mit den Themen Kunst, Kultur, Klima und Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Über die unterschiedlichen Arbeitsfelder der Kulturinitiativen, die am Blog von klimakultur.tirol zu finden sind, werden die vielen Aspekte dieser Koalition von Kunst und Klima sichtbar: Vertreter*innen von Museen setzen sich mit nachhaltiger Ausstellungsproduktion auseinander, Festivalveranstaltern hängt der Müll zum Hals heraus, der sich nach dem Event am Gelände türmt und sie entwickeln künftig Green Events, Kulturorte setzen im operativen Alltag klimaschonende Maßnahmen um, etwa beim Heizen, den Lebensmitteln am Buffet oder bei den Putzmitteln. Musiker bestreiten Konzerttouren auf Lastenfahrrädern und nutzen ihre Popularität, um das Thema Mobilität zu forcieren, bildende Künstler*innen thematisieren Biodiversität und Artensterben. Kulturinitiativen werden zu Diskursräumen oder zu Andockstellen für zivilgesellschaftliches Engagement wie Foodcops oder Repairkollektive. Gemeinsam ist allen diesen Ansätzen, dass über Kunst- und Kulturschaffen kommunikative Prozesse in Gang gesetzt und alternative Handlungsmöglichkeiten ganz direkt erlebbar werden.

5 Personen in bunten Jacken stehen mit Lastenfahrrädern auf einem Parkplatz.
ReCycling Tour 2021- eine klimafreundliche Konzert-Tournee von Manu Delago und Band über 1.600 km auf Fahrrädern,
© Simon Rainer

Welchen Impact Kulturinitiativenarbeit auf die Demokratiepolitik und damit auf den gesellschaftlichen Wandel haben kann, war auch eine zentrale Frage von Helene Schnitzer und Alexander Erler von der  TKI – Tiroler Kulturinitiativen, Interessenvertretung freier Kulturinitiativen in Tirol, als sie 2018 mit dem ersten Forum Klimakultur den ersten größeren Impuls hierzulande setzten. „Bis dahin wurde in der Kulturszene das Klimathema vor allem mit „Green Events“ assoziiert, was für viele bei ohnehin knappen Ressourcen zuerst einmal einen Zusatzaufwand darstellte,“ sagt Geschäftsführerin Helene Schnitzer. „Uns interessierten darüber hinaus vor allem die inhaltlichen Aspekte von Klimakultur. Wir wollten einen positiven Spirit der Handlungsfähigkeit verbreiten, die Strategie war daher, mit Good Practice Beispielen zu arbeiten, die Alternativen und Empowerment aufzeigen.“ Den Begriff der „Doing Culture[1]“ hält Schnitzer dabei für zentral. Er beschreibt ein soziales Setting zwischen den zwei Polen, die in der Klimadebatte oft gegeneinander ausgespielt werden: Politik und Individuum. Kulturinitiativen oder -kollektive sind Gemeinschaften „in der Mitte“ die als gesellschaftliche Labore Dinge im Kleinen ausprobieren und dann ins Große überführen können. Dieses Setting braucht neue Organisationsformen – Hildegard Kurt bezeichnet sie als „schöpferisches Wir“.

Die deutsche Nachhaltigkeitsforscherin und Kulturwissenschaftlerin war 2018 beim Forum Klimakultur eingeladen und hat in der Tiroler Klimakultur-Gruppe nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Sie beschreibt die notwenige soziale Konstellation so: „Menschen finden sich um ein gemeinsames Anliegen herum zusammen, schaffen einen experimentierenden Raum ohne Mitte, ohne Dogma, ohne Chef, ohne Parteiprogramm, in dem etwas ganz Neues zu Tage treten kann.“ Kunst und Kultur hält sie für prädestiniert, um solche Ko-Kreativität zu erzeugen. Ein Gedanke, den es schon lange gibt. 1972 etwa lud Joseph Beuys auf der documenta 5, anstatt eigene Werke auszustellen, zu einer hunderttägigen „permanenten Konferenz“ ein, wo ein neues Geldwesen, das Bildungssystem oder direkte Demokratie diskutiert wurden. Ähnliche Ansätze sind seither zahlreich, ist doch die Transformation hin zu nachhaltiger Entwicklung ein kulturelles Projekt, eigentlich sogar eine kulturelle Revolution[2].

In einem Veranstaltungssaal spricht eien Frau vor Publikum. Im Vordergrund ist ein Buffet.
Forum Klimakultur 2018 im Upcycling Studio in Innsbruck, © Daniel Jarosch

Was dabei ganz wesentlich ist: Wir müssen dringend ins Tun kommen. Das sieht auch Dhara Meyer so, die als Akteurin bei klimakultur.tirol und Projektleiterin im Rahmen der Landesinitiative Tirol 2050 energieautonom daran mitarbeitet, Kulturakteur*innen verstärkt in übergeordnete politische Prozesse einzubinden. „Wir brauchen einen konstruktiven Blick und dürfen uns alle als Treiber*innen des Wandels wahrnehmen. Wir laden die Menschen ein, sich in eine positive Zukunft zu verlieben.“

Als höchst brauchbares Werkzeug hat sich dabei auch die Theaterarbeit erwiesen. Theaterpädagoge Armin Staffler, ebenfalls Mitglied in der Tiroler Klimakultur-Initiative, erzählt von der Methode des Forumtheaters, bei der jeder und jede als Schauspieler*in aktiv werden kann und konkrete Themen, etwa in einer Gemeinde, durchgespielt werden. Das Publikum darf dabei gestaltend eingreifen. „Es geht darum, wie die Figuren im Stück bei konkreten Fragestellungen zukunftsfähigere Entscheidungen treffen können“, erzählt Staffler „die Bühne wird zum Experimentierraum, in dem man festgefahrene Perspektiven auflösen kann und sich als wirkmächtig erlebt.“ Wirkungsmacht statt Pessimismus wollen wir also verspüren – ein großes Thema auch für das Fachgebiet der Klimakommunikation, dem sich klimakultur.tirol in einem Lehrgang gewidmet hat. Die Erkenntnis: Es geht heute um Vermittlungsstrategien abseits von Katastrophenberichten à la sterbender Eisbär, sondern vielmehr um motivierende Best Practice Beispiele, wie sie im Blog von klimakultur.tirol seither regelmäßig veröffentlicht werden.

Warum aber, fragt man sich nun, sitzen nicht schon längst in jedem politischen Gremium, das sich mit dem Klimawandel auseinandersetzt, Künstler*innen und Kulturschaffende? „Da gibt es einen riesigen Gap und die Kunst ist immer noch ein weitgehend brachliegendes Potenzial auf politischer Ebene“, ist die Erfahrung des Künstlers George Steinmann. Er war viele Jahre irritiert, dass in internationalen Meetings von Umweltminister*innen selbstverständlich auch Wirtschaftslobbyisten sitzen aber keine Kulturakteur*innen, bis er sich schließlich selbst vehement in politische Prozesse hineinreklamierte. Als „artistic observer“ war er Teil der politischen Delegationen zweier UN Klimakonferenzen, durchaus gegen so manchen Widerstand. „Künstlerisches Arbeiten kann eine starke Dynamik in Richtung Politik erzeugen, weil es Argumente gegen das politische „da lässt sich nichts ändern“ liefert. Es hält dem entgegen: schaut her, es geht doch!“ sagt Helene Schnitzer. Sie wünscht sich in der Nachhaltigkeitsdebatte Sachpolitik statt Parteipolitik und, dass Themen des Klimaschutzes endlich als selbstverständliche Querschnittsmaterie gedacht werden. Für die Tiroler Klimakultur-Initiative wäre ein erster Schritt zur institutionellen Verankerung die Finanzierung einer fixen Personalstelle, um die erfolgreich begonnenen Aktivitäten weiterzuführen. Derzeit schaut es erfreulich gut aus dafür. Hoffentlich ein Schritt in eine Form des Zusammenwirkens, die Klimaforscher Georg Kaser so formuliert: „Wir bauchen ein Symphonieorchester, bei dem jede Person am eigenen Instrument exzellent ist und zugleich die Bereitschaft hat, vertrauensvoll zusammenzuspielen. “

10 Menschen stehen in einem Garten. In Hintergrund ist Wald.
Mitglieder der Initiative klimakultur.tirol, 2019 in Padaun, © klimakultur.tirol

Die Autorin

Nicola Weber

Architekturstudium in Innsbruck, Wien und den USA. Lebt und arbeitet in Innsbruck als freie Journalistin, Kuratorin und Vermittlerin an der Schnittstelle von Kultur, Architektur, Design und Stadtraum. Leitet seit 2019 WEI SRAUM Designforum Tirol.


[1] Hörning & Reuter, 2004

[2] aus: Uwe Schneidewind, „Die große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels“. Erwähnt im Vortrag von Hildegard Kurt beim Forum Klimakultur in Innsbruck 2018