Von Samen lernen
Kleine Körner, große Geschichten
Wenn Maria Thereza Alves anfängt über Samen zu sprechen, dann spürt man direkt, dass es hier um mehr als nur Keime geht. Die in Brasilien aufgewachsene Künstlerin beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit ökologischen und politischen Themen, oft mit historischem Kontext. Im Rahmen der Klima Biennale Wien stellt sie mit anderen Kunstschaffenden unter dem Motto “Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures” aus. Ich habe Maria Thereza Alves im KunstHausWien getroffen und mit ihr darüber gesprochen, wie Samen historisches und indigenes Wissen konservieren, wie sie Instrument von politischer Macht wurden, wie sie unser Verhältnis zur Welt widerspiegeln und warum sie auch Träger von Wandel und Hoffnung sein können.
Als die Samen kamen
Samen gibt es schon seit mehreren hundert Millionen Jahren – ihre Entstehung war essenziell für das Wachstum von Pflanzen außerhalb des Wassers. Sie werden oft als Ursprung des Lebens gesehen und stehen auch symbolisch für einen Neuanfang – ein Aufblühen. Dieses Bild findet Maria Thereza Alves aber unvollständig. Für sie sind Samen immer Teil eines Kreislaufs aus Sprießen, Erwachsen, Aufblühen, Vermehren und Verwelken. Sie stehen also nicht nur für das, was aus ihnen sprießt, sondern auch für das, woher sie kommen. “Sie sind unsere Geschichtslehrer“, sagt Alves, die sich mit den verschiedenen Vergangenheiten der Samen auseinandergesetzt hat.
Bei einem Projekt in Berlin hat sie gezeigt, wie man aus einem kleinen Stück Boden weltpolitische Historie herauslesen kann. “Mir hat die Idee gefallen, mich nur auf einen sehr kleinen Teil der Erde zu konzentrieren”. Auf einem Grundstück nahe der ehemaligen Berliner Mauer entnimmt sie ein Stück Boden und recherchiert alle Informationen, die sich zu den Vorbesitzer*innen finden lassen. Schnell stellte sich heraus – hier wohnte einst ein hoher Diplomat aus Wien im 18. Jahrhundert, später baute eine Adelsfamilie eine Villa und im Zweiten Weltkrieg befand sich auf dem Grundstück einer von Hitlers Bunkern. Mit den Samen und Pflanzen auf dem Grund konnte sie diese Geschichte nachzeichnen. Einerseits Pflanzen aus Amerika, die sich Adlige seit dem 17. Jahrhundert gerne im Garten hielten. Und auch Pflanzen aus Russland finden sich hier, die wahrscheinlich vom österreichischen Diplomaten importiert wurden. “All diese Samen lehren uns die Geschichte dieses Ortes und was ihn mit der ganzen Welt verbindet”, erklärt Alves.
Globale Krise mit lokalen Trieben
Die globale Klimakrise zeigt sich im Lokalen – dazu fällt der aus Brasilien stammenden Alves direkt ein Beispiel ein: “Ich habe mich intensiv mit der Rodung des Regenwalds in Brasilien beschäftigt – die Abholzungen zeigen, wie Pflanzen und Samen zerstört und damit eine ganze ökologische Nische von Tieren, die davon abhängig waren, ausgerottet werden.” Wer über Samen in der modernen Welt spricht, muss sich zwangsläufig mit der Globalisierung beschäftigen. Denn so wie sich Samen oft von ihren Trägerpflanzen entfernen und zum Beispiel davonfliegen – so hat auch der Mensch durch sein Reisen und Handeln dazu beigetragen, dass Samen und Pflanzen quer über die Welt verbreitet werden.
Die Geschichte einer der ersten weltweiten Samentransporte hat Maria Thereza Alves besonders fasziniert – “obwohl diese Transporte gar nicht beabsichtigt waren”. Denn viele der ersten Samentransporte nach Europa kamen über große Handelsschiffe aus Amerika, auf welche Erde als Zusatzballast geladen wurde, damit sie Gewichte ausgleichen und sicherer fahren konnten. In den europäischen Häfen wurde die Erde dann arglos abgeladen – mitsamt der Samen, die dann am anderen Ende der Welt Wurzeln schlugen. Die Samen sind auch traurige Zeugen der Kolonialgeschichte – man denke nur an den Import von Kartoffeln, Tomaten oder Mais nach Europa – den sogenannten Kolumbianischen Austausch.
Von vergessenen Wurzeln und kämpferischen Samen
“Wem gehören die Samen und wer entscheidet, welche Samen es auf der Welt gibt und was wir mit ihnen machen?” Diese Fragen inspirierten Alves zur Ausstellung. Und sie hat Antworten für sich gefunden: “Ich finde, man sollte den Völkern und Indigenen Anerkennung zollen, die seit jeher in Gemeinschaften Samen entwickeln, sie hegen und auch beschützen – zum Beispiel gegen große globale Saatgutproduzenten.” Denn global kontrollieren die drei größten Saatgutproduzenten mehr als 50 Prozent des Markts. Alves findet das problematisch: “Das Saatgut gehört in erster Linie sich selbst.”
“Das Saatgut gehört in erster Linie sich selbst.”
Bei aller Kritik am Zustand der Welt, der durch die ökonomische Globalisierung und Klimakrise die Samen in vielen Regionen gefährdet, hat Alves auch eine ermutigende Botschaft und will zum Handeln aufrufen: “Es geht um die Beziehung zu Samen, zum Körper, zur Erde.” Und dazu müsse man gar nicht in entlegene Gegenden wie den Regenwald schauen. Alves erinnert daran, dass auch in Europa viel Verbundenheit und Auseinandersetzung mit dem Boden und Samen vorhanden ist – und vor allem vorhanden war. “Vielleicht weiß eure Großmutter mehr darüber, oder ihr schlagt in Erzählungen oder Pflanzenkunde eurer Heimat nach. Denn da könnten interessante Informationen drin sein, darüber, wie die Menschen respektvoll mit ihrer Erde umgegangen sind.”
Aufgeben und resignieren ist Maria Thereza Alves nie in den Sinn gekommen. Für ihr seit Jahrzehnten anhaltendes Engagement hat sie sich immer wieder aus der Welt der Samen inspirieren lassen: “Ich bin so beeindruckt von den Samen in dicht bebauten Städten, die sich zwischen den Bürgersteigen die noch so kleinen Schlitze und Lücken suchen und aus dem Boden wachsen. Sie beeindrucken mich, weil sie Kämpferinnen sind.”
Die Ausstellung “Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures” kann noch bis 14.2.2027 im KunstHausWien besichtigt werden.
Öffnungszeiten: Mo–So: 10–18 Uhr
KunstHausWien
Untere Weißgerberstraße 13
1030 Wien