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Das Problem an der Wurzel packen

Die Klima Biennale Wien sucht Wege in eine nachhaltigere Zukunft. Sie führen auch in den Wald.

Aus kargen Böden wachsen die grünsten Utopien, im Fall der Klima Biennale Wien aber auch echte grüne Inseln. Am Festivalareal auf dem Nordwestbahnhofgelände wurden Löcher in den Asphalt gerissen, mit Erde gefüllt und bepflanzt. Maßnahmen gegen die Bodenversiegelung? Geht doch! Wie das auch langfristig gehen könnte, ist nur eine der Fragen, mit denen sich die Biennale noch bis Mitte Juli beschäftigt. Man will vor allem auch erkunden, was Kunst, Design, Architektur und Wissenschaft beitragen können, um die ökologischen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu bewältigen.

 

Nicht nur am Nordwestbahnhof (1) ist zu diesem Zweck ein Experimentierfeld für nachhaltiges Zusammenleben samt Klima-Kantine, konsumfreien Zonen, Denkwerkstätten und Ausstellungen zu zirkulärem Design oder Re-Use entstanden. Auch im KunstHausWien (2), wo sich die Biennale-Zentrale befindet, greift die grundlegende Idee des Festivals Raum: Mit vereinten Kräften könnten wir auch Teil der Lösung und nicht bloß des Problems sein.

 

Die Kunst übernimmt in dieser Gemengelage auch eine Art Vermittlerrolle, denn sie verfügt über ihre ganz eigenen inhaltlichen und ästhetischen Strategien, um brennende Fragen sowie Widersprüche sichtbar zu machen. Man nehme etwa die poetische Wirkung, die Totholz aus dem Wienerwald entfaltet, wenn der chilenische Künstler Rodrigo Arteaga (3) es im KunstHausWien aufbahrt. Es ist in ein filigranes Rastersystem eingepasst, das ein wenig an einen Setzkasten erinnert, aber auch auf die profitorientierte Ausbeutung der Wälder verweist. Arteagas Arbeiten sind Teil der von Sophie Haslinger kuratierten Gruppenausstellung Into the Woods, sie versammelt künstlerische Annäherungen an eines der wichtigsten Ökosysteme der Welt: Den Wald.

 

Der Mensch sucht diesen bekanntlich gerne auf, um sich vom Alltagsstress zu kurieren, wofür die Selbstfürsorge-Industrie mittlerweile den Begriff „Waldbaden“ etabliert hat. Gelegenheit dafür bietet sich nun auch im Innenhof des KunstHausWien: Markus Jeschaunigs „Mooshelm“ (4) ist das mobile Mikro-Walderlebnis für den urbanen Raum, das allerdings kaum darüber hinwegtrösten kann, dass Wälder weltweit durch Abholzung, Monokulturen und die dadurch weiter befeuerte Klimaerwärmung bedroht sind. In den Ausstellungräumen thematisieren das unter anderem Arbeiten von Oliver Ressler und Richard Mosse, es geht auch um aktivistischen Widerstand gegen die Zerstörung.

Gerade das Ökosystem Wald taugt diesbezüglich als Vorbild, weil es darin so viele symbiotische Beziehungen und Verflechtungen gibt.

 

Bei Abel Rodríguez (5), der der indigenen Gemeinschaft der Nonuya in Kolumbien angehört, geht es hingegen auch darum, uns selbst als Teil ökologischer Systeme und nicht als Herrscher*innen über die Natur zu begreifen. Gerade das Ökosystem Wald taugt diesbezüglich als Vorbild, weil es darin so viele symbiotische Beziehungen (etwa zwischen Bodenpilz und Pflanzenwurzeln) und Verflechtungen gibt. Letztere sind übrigens auch das Jahresthema der Klimakultur Tirol, das sich in viele Richtungen weiterdenken lässt.

 

In „Into the Woods“ erinnern Diana Scherers Objekte (6) an Mycelien und andere Netzwerke, während Jeewi Lee mit Ambivalenzen spielt: Durch steigende Temperaturen und Trockenheit hat sich die Borkenkäferplage in vielen Regionen massiv ausgebreitet. Wenn die Künstlerin die Wege der Borkenkäfer mittels koreanischer Drucktechnik auf hauchdünnes Papier „zeichnet“, entstehen daraus irritierend schöne Zeitdokumente des Schreckens. Woanders wird man augenzwinkernd daran erinnert, dass Benvenuto Cellinis berühmte „Saliera“ Jahre nach dem spektakulären Raub aus dem Kunsthistorischen Museum in einem Waldstück wiedergefunden wurde. Jetzt steht sie als Nachbildung aus Salz (Anca Benera und Arnold Estefán) erneut im Wald – und Wildtiere können sich daran laben (7).

 

Ergänzend zu den klassischen Werktexten gibt es an den Wänden ausführliche Informationen über den Lebensraum Wald, seine Funktionen und die fortschreitende Abholzung zu lesen (zwischen 2010 und 2020 nahmen die Waldflächen weltweit um 4,7 Millionen Hektar ab!). Und irgendwo dazwischen entdeckt man schließlich auch den Steckbrief von einem jener „Baummieter“, die Friedensreich Hundertwasser dereinst in die Gestaltung des Gebäudes integriert hat. Zehn sind es an der Zahl, das macht noch keinen Wald, aber klimatisch dennoch einen Unterschied.

Ivona Jelčić

studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Romanistik an der Universität Innsbruck. Sie war Leiterin des Kulturressorts der Tiroler Tageszeitung und ist seit 2018 als freischaffende Journalistin (u. a. für Der Standard) und Autorin („14 Tage 1918. Die Anfänge der Republik in Tirol”; Tyrolia Verlag; mit Matthias Breit) tätig. Schreibt schwerpunktmäßig über bildende Kunst, Theater, Architektur und Raumgestaltung sowie über gesellschaftspolitische Themen.

(1)Screenshot der interaktiven Website biennale.wien (hinter den Temperaturfeldern zu sehen: Nordwestbahnhof) und Festivalareal © Claudius Schulze

(2)Screenshot der interaktiven Website biennale.wien (hinter den Temperaturfeldern zu sehen: KunstHausWien) und Außenansicht KunstHausWien © Paul Bauer

(3)Rodrigo Arteaga, Grid, 2024 und Monocultures, 2020
Courtesy der Künstler © Rodrigo Arteaga
Foto: Rudolf Strobl

(4)Markus Jeschaunig, Mooshelm, 2024
Courtesy der Künstler © Markus Jeschaunig
Foto: Rudolf Strobl

(5)Abel Rodriguez, El árbol de la vida y la abundacia, 2019
Courtesy der Künstler und Instituto de Visión © Sofía Toscano

(6)Diana Scherer, Entanglement, 2021, Biennale of Sydney
Courtesy die Künstlerin und andriesse eyck galerie, Amsterdam © Diana Scherer

(7)Anca Benera & Arnold Estefán, UnWorlding, 2024
Courtesy die Künstler*innen © Anca Benera & Arnold Estefán
Foto: Thomas Kranabitl / Österreichische Bundesforste