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Ins Moor gehört … oder vom Hinhören und nicht Aufhören

Was passiert, wenn wir nicht über das Moor schreiben, sondern mit ihm?

Wir hören so viel, aber zu wenig hin, hinein in die Tiefe – gerade in Zeiten permanenter Überfrachtung. Hier kann Sprache Möglichkeitsraum und Begegnungsort sein. Sie kann Räume öffnen, in denen wir uns als Teil eines größeren Zusammenhangs erfahren. Besonders im Angesicht ökologischer Krisen, Desinformation und Entfremdung brauchen wir Formen, die uns in Beziehung bringen.

 

In meinem poetischen Anspruch geht es in besonderer Weise um ein Zuhören. Es geht – wie allgemein in der Sprachkunst – nie nur um eine „holde Kunst“ oder Ornament, sondern um verdichtete und gespitzte Sprache – eine Sprache, die berühren, irritieren und verändern will. Lyrik sucht da ein Gegenüber, ein Du. Sie will nicht nur verstanden, sondern gespürt werden, sie will – wie Celan es so wortwörtlich berührend formulierte – „Herzland“ erreichen.

 

Auch besonders im Kontext von Natur – oder präziser: Mitwelt – eröffnet poetisches Schreiben eine Chance: Nicht nur über sie zu schreiben, sondern mit ihr. Das ist mein Ziel – im eigenen Schreiben und in Vermittlungsarbeiten. Das bedeutet auch: Perspektiven zu verschieben. Ich arbeite gern mit Perspektivwechseln, verschiebe Positionen, verlasse die Distanz. Dieser Perspektivwechsel ist für mich ein zentrales literarisches Verfahren. Ein Werkzeug mit gewichtiger Wirkkraft, das wie kaum woanders in der Sprache möglich ist. Eines, das Wahrnehmung verändert – und damit auch unser Verhältnis zur Welt.

 

Dass der Welttag der Poesie (21. März) mit dem Internationalen Tag gegen Rassismus, dem Welt-Down-Syndrom-Tag, dem Tag des Waldes und dem Tag der Gletscher zusammenfällt, ist für mich kein Zufall oder bloße Welttag-Inflation, sondern eine stille Aussage: Poesie und Sprache stehen immer auch im Kontext von Welt und Mitwelt. Sie rufen nach Beziehung und Verantwortung.

 

An der Schnittstelle von Klima, Kunst und Kultur liegt für mich enormes Potenzial. Seit Jahren nähere ich mich in meiner Arbeit Gewässern, Landschaften und ihren Einschreibungen – etwa in meinem Lyrikband azur ton nähe – flussdiktate – getragen von der Überzeugung, dass Sprache nicht nur Wirklichkeit beschreibt, sondern sie mit hervorbringt und unser Bewusstsein für die Mitwelt formt.

 

Nature Writing – in meinem Verständnis – ist kein rein beschreibendes Genre. Es darf nicht darum gehen, über etwas zu schreiben, sondern mit ihm. Es ist ein dialogischer Raum. Ein Raum, in dem Empathie entstehen darf: durch Hinhören, durch Begegnung, durch Irritation und durch Aushalten von Ambivalenz. Es geht darum, offen und verwundbar zu bleiben – auch und besonders gegenüber dem, was überwältigt und schmerzt. Genau dort gilt es weiterzugehen – und nicht mehr aufzuhören mit dem Hinhören.

Drei Beispiele

Schreibworkshop im Rahmen von Moore – Wissen und Emotion (BA0200264)

 

In meinen (Moor-)Schreibworkshops geht es darum, literarische und naturwissenschaftliche Zugänge zusammenzubringen und einen Raum zu öffnen, in dem Wahrnehmung, Recherche und Beziehung zusammenspielen. Das Moor wird dabei nicht nur zum Thema, sondern zum Ausgangspunkt für Perspektivwechsel, genaues Hinhören und die Frage, wie Sprache unser Bewusstsein für Mitwelt schärfen kann.

 

Auch im Rahmen des EU-Projektes in der EUREGIO Zugspitze-Wetterstein-Karwendel (= EZWK) „EZWK Moore – Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Grenzübergreifender Arten- und Klimaschutz (BA0200264)“ (Kurztitel EZWK Moore – Wissen und Emotion (BA0200264)), biete ich Schreibworkshops an. Das Projekt wird getragen vom Haus der Begegnung in Innsbruck und dem Katholischen Kreisbildungswerk Garmisch-Partenkirchen. Es bringt unterschiedliche Perspektiven zusammen: naturwissenschaftliche Expertise, Bildungsarbeit und künstlerische Zugänge. Ziel ist es, Moore nicht nur als ökologische Schlüsselräume sichtbar zu machen, sondern als Erfahrungs- und (bewirtschaftete) Lebensräume – Orte, die Wissen und Emotion verbinden. Das Projekt zeigt, wie fruchtbar interdisziplinäre Ansätze und Ländergrenzen übergreifende Zusammenarbeit sein können – gerade dann, wenn es um komplexe Themen wie Biodiversität und Klimawandel geht.

info

In allen Teilbereichen der EUREGIO Zugspitze-Wetterstein-Karwendel (EZWK) finden sich Moorflächen. Das EU-Projekt „EZWK Moore – Wissen und Emotion“ fördert Fachwissen über Moore und eröffnet persönliche Zugänge.

Projektlaufzeit: März 2025 – März 2027

Termine | Rückblick | Downloads

Erster Poesieweg in Radstadt von bächen befragt

 

Im Rahmen meines Stadtschreiberinnen-Aufenthalts in Radstadt habe ich mich dem Wasser als erzählendem Element der Stadt angenähert. Diesen Spuren bin ich in einer literarischen Bach-Feldforschung gefolgt. Entstanden ist der Gedichtzyklus von bächen befragt – eine poetische Kartografie Radstadts. Jedes Gedicht ist einem Bach gewidmet und mit Koordinaten versehen, die jene Orte markieren, von denen die Gewässer die Stadt befragen. Wasser ist hier nicht nur Motiv, sondern Stimme. Aus den 16 Gedichten wird der erste Poesieweg Radstadts. Die Eröffnung findet am 12. April 2026 statt. Weitere Hintergrundinformationen und die Audioversionen sind auf der begleitenden Webseite zu finden.

VI. enns 47°23’01.03″N 13°27’58.52″E

 

sie nannten mich oft
alte schönheit auch
herrscherin im tal
mit keltischem sinn
einte ich ana

 

& isa | wasser
in fülle |fragen
sie mich heute nach
fluider vielfalt
& zärtlichkeit | dann

 

sind mir leider die
arme gebunden
sie wurden beraubt
erzwungen begrenzt
& domestiziert

XI forchnquelle 47°22’37″N 13°29’01.5″E

 

im dunkel entspringt
aufbruch | fragen uns
zwischen angriff &
befreiung | sind bild-
er im widerspruch |

 

schillern aus der zeit |
auch wir kommen vom
untergrund her | da
quellt etwas & weist |
es weiß um alles

 

größere & bleibt
nie zu fassen | ein
netz aus licht | brauchen
einander damit
wir leuchten können

azur ton nähe. flussdiktate. Limbus Verlag 2022

 

Schon in meinem Lyrikband azur ton nähe. flussdiktate beschäftige ich mich mit Wasserlandschaften als Sprach- und Denkraum; die Vielsprachigkeit von Wasser und sein sozioökologisches Gewicht stehen dort im Zentrum. Denn Wasserläufe sind nicht nur Teil von Geschichte – sie tragen eigene Sprachen in sich. Dahinter steht mein Zugang, dass Sprache nicht nur Wirklichkeit beschreibt, sondern mitprägt – und damit auch unsere Aufmerksamkeit für Mitwelt. Mehr Informationen hier.

siljarosa schletterer

(*1991) ist Autorin und Literaturvermittlerin und „Lyrikbotschafterin“. Nach dem Studium beschäftigt sie sich in ihrem Werk intensiv mit Sprachmusik sowie mit dem Dialog zwischen Gesellschaft, Natur und Sprache. Ihre Gedichte geben marginalisierten Themen und Stimmen Raum und verbinden poetische Verdichtung mit gesellschaftlicher Reflexion. Die Lyrik und Sprachmusik liegt seit ihrem Studium in ihrem Fokus und Herzen; sie organisiert u. a. das Internationale Lyrikfestival W:ORTE und hält verschiedene Schreibworkshops. Diverse Stipendien und Auszeichnungen, u. a. das Große Literaturstipendium des Landes Tirol in der Sparte Lyrik und den Literatur-Anerkennungspreis der Universität Innsbruck. Bei Limbus erschien ihr Lyrikdebüt azur ton nähe. flussdiktate (2022) und entschämungen. körperkantate (2025).

© Christian Krebel (unsplash)

mühlbachl, aus: azur ton nähe. flussdiktate © Siljarosa Schletterer

Siljarosa Schletterer © Dino Bossnini

inn, aus: azur ton nähe. flussdiktate © Siljarosa Schletterer

© Philipp Deus (unsplash)

thaya, aus: azur ton nähe. flussdiktate © Siljarosa Schletterer

© Hanna Lazar (unsplash)

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