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‚ReCycling Tour 2021‘- eine klimafreundliche Konzert-Tournee auf Fahrrädern

Ja, wir wollen mit Musik die Welt retten. Dafür reist meine Band nicht nur für 35 Tage per Fahrrad und Anhängern zu Konzerten in Österreich, sondern veröffentlicht einen täglichen Video-Blog, der die Menschheit zu einem klimafreundlicheren Lebensstil inspirieren soll. Vor knapp drei Jahren ist dieses Tourkonzept geboren: mit eigener Stromerzeugung, nachhaltiger Ernährung und recycelter Musik.

Sehr oft habe ich mir während meinen Tourneen einen Wecker auf 6 Uhr oder früher gestellt, um noch schnell joggen zu gehen, bevor ich den Tourbus oder Van betrete, um dann stundenlang still zu sitzen und abgestandene Luft zu atmen. Beim Joggen vom Hotel muss man immer an den Ausgangsort zurücklaufen und oft dachte ich mir dabei, dass es eigentlich genial wäre, in die nächste Stadt zu laufen. Leider war das immer zu weit, aber vielleicht wäre es mit Fahrrädern möglich? Die Luft wäre besser, ich könnte mir die Extra-Kalorien-Verbrennung sparen und wahrscheinlich wäre mir meine geliebte Umwelt auch dankbar.

Natürlich wäre es nicht möglich, große Distanzen wie mit Tourbus oder gar Fluzeug zurückzulegen, aber nachdem ich bereits in über 50 Länder auf sechs Kontinenten konzertiert hatte, braute sich auch ein schlechtes Gewissen zusammen und ich war bereit für eine regionale Tour, zurück zu den Wurzeln. Also begann ich im Januar 2019 mit meinem Manager eine Konzertreise zu planen, wo alle Etappen mittels Fahrrad bewältigbar sein sollten. Eine große Herausforderung, weil die Strecke perfekt liegen muss und wir – wie sonst üblich – nicht nur in größeren Städten auftreten könnten, sondern auch in Dörfern mit wenig Konzert-Infrastruktur. Es dauerte ein ganzes Jahr bis die Booking-Phase abgeschlossen war und 25 Konzerte entlang einer 1600km langen Rundfahrt mit Start und Ziel in Innsbruck feststanden.


Jausen Management

Aus irgendeinem Grund ist das Autobahnfahren im Tourbus immer mit Raststationen verbunden, wo extrem viel Müll anfällt. Obwohl ich meiner Band und Crew nachfüllbare Trinkflaschen geschenkt hatte, türmten sich trotzdem ständig Plastikflaschen und andere Verpackungen im Inneren des Fahrzeugs auf. Beim Radfahren habe ich jedoch das Gefühl, näher an den Menschen und der lokalen Infrastruktur zu sein. Daher kam mir die Idee, nicht nur nachfüllbare Trinkflaschen, sondern auch Jausenboxen mitzunehmen, und diese bei Bauernmärkten, Bäckereien, aber vor allem auch von KonzertbesucherInnen und Fans direkt befüllen zu lassen. Die Ausschreibung dafür über Social Media und Newsletter fand sehr positiven Anklang, und wir werden uns bei den helfenden Menschen mit Konzertkarten und fallweise auch kleinen Pop-Up-Performances revanchieren.

Spontane Outdoor-Auftritte wird es vermutlich mehrere geben (Foto: Simon Rainer)

Für das Jausen-Management auf Tour ist Alois Eberl verantwortlich, der Posaunist und Akkordeonspieler meiner Band. Ich wählte Musiker für das Projekt, welche bereits bei meinem abenteuerlichen Musik- und Bergfilm ‚Parasol Peak‘ dabei waren und daher strapazenerprobt sind. Fahrradbegeisterung und Fitness sind Grundvoraussetzungen, aber für die ReCycling Tour müssen alle Beteiligten ungewohnte Zusatzfunktionen einnehmen. Perkussionist Tobias Steinberger ist für die Wäsche zuständig. Aufgrund des Packgewichts werden wir mit wenig Kleidung reisen, aber durch das ständige Schwitzen regelmäßig waschen müssen. Um dies möglichst energieeffizient zu gestalten, reist die gesamte Gruppe ausschließlich mit dunkler Kleidung, so dass die Waschmaschine nicht für ein paar weiße Teile extra angeworfen werden muss.

Trailer des mehrfach ausgezeichneten Musik- und Bergfilms ‚Parasol Peak‘

Musikalisches ReCycling

Obwohl wir auch bei den Musikinstrumenten und der Technik darauf achten müssen, möglichst leicht und kompakt zu packen, möchte ich dennoch eine einzigartige Show präsentieren. Ich selbst spiele drei Handpans sowie einige elektronische Sounds, welche ebenso wie Akkordeon und Posaune perfekt in unsere Anhänger passen. Schlagwerker Tobias wird vorwiegend auf den Fahrrädern und den Alu-Kisten der Anhänger trommeln. Außerdem stellte ich ihm die Herausforderung, dass er auf jeder Radstrecke Gegenstände bzw. ‚klingenden Müll‘ finden muss, welche er dann bei den Konzerten bespielt, bzw. musikalisch recycelt.

Neben einem Trio an Musikern werden auch Techniker dabei sein, welche ebenfalls einige Zusatzfunktionen abdecken. Tontechniker Lukas Froschauer ist nicht nur leidenschaftlicher Radfahrer sondern auch praktischer Arzt, für den Fall des Falles. Er wird sich zusätzlich um die Navigation kümmern, welche aufgrund der Anhänger etwas komplexer ist als Google Maps vorschlägt. Im Idealfall durchqueren wir die Alpen auf Asphaltstraßen mit weniger als 12% Steigung.

Mit Simon Schindler habe ich einen langjährigen Wegbegleiter im Team, der ein technischer Tausendsassa ist. Bei normalen Touren kümmert er sich um Licht oder Ton, bei der ‚ReCycling Tour‘ ist er auch für die gesamte Technik der Fahrräder und Anhänger sowie die Stromerzeugung mittels Solar-Panele zuständig. 

Oben: Das erste Treffen des Teams im Oktober 2019 (Foto: Manu Delago)
Unten: Bereit zum Losradeln im Frühjahr 2020, aber eingebremst von der Pandemie (Foto: Simon Rainer)
Solarstrom und Tran-Sport

Nach monatelanger Recherche und sämtlichen Testfahrten kauften wir uns sechs Lastenanhänger, in denen das gesamte Equipment Platz haben und Schutz finden sollte. Auf jedem Anhänger befindet sich ein Solar-Panel, verbunden mit einer Batterie. Bei halbwegs freundlichem Wetter sollten wir mit dem gewonnenen Strom sämtliche mobilen Geräte sowie das Konzert-Equipment auf der Bühne speisen können. Auch die eigene Licht-Show, bestehend aus 16 kleinen LED-Lampen, sollten wir mit unserem Strom betreiben können. Einzig bei der Tonanlage geraten wir mit der mobilen Sonnenenergie an ihre Grenze. Hier müssen wir auf lokalen Starkstrom zurückgreifen, jedoch darauf achtend, dass die Anlage nur möglichst kurz in Betriebsmodus ist.

Die Planungsphase der ‚ReCycling Tour‘ war neben viel Recherche auch von einigen Investitionen und Anschaffungen begleitet, welche bei gewöhnlichen Touren nicht anfallen. Wir sparen uns zwar Mietkosten für Tourbus, Treibstoff, Parken und Maut, mussten dafür aber Lastenanhänger, Batterien und Solar-Panele kaufen. Wir hoffen jedoch, dass diese Anschaffungen nachhaltig sind und vielen weiteren Konzertreisen in der Zukunft dienen werden – möglicherweise auch anderen Bands und Projekten. Uns ist bewusst, dass Batterien bzw. Akkus ein problematisches Thema sind, weil sie in der Herstellung viel Energie benötigen und teilweise umweltzerstörende Folgen haben. Dennoch kamen wir zum Entschluss, dass es die beste Lösung für mobile Stromerzeugung ist. Speziell für Klima- und Umweltthemen haben wir uns diverse Projektpartner wie Tirol2050 energieautonom oder Greenpeace gesucht, welche uns fachkundig mit Rat zur Seite stehen.

Vorbereitungen im Sommer 2020 (Fotos: Simon Rainer)
Vorbereitungen im Sommer 2020 (Fotos: Simon Rainer)
Vorbereitungen im Sommer 2020 (Fotos: Simon Rainer)
Vorbereitungen im Sommer 2020 (Fotos: Simon Rainer)
Vorbereitungen im Sommer 2020 (Fotos: Simon Rainer)

Nachhaltiges Online-Tagebuch

Als Musiker bekam ich in den letzten Jahren vermehrt öffentliche Aufmerksamkeit. Damit wuchs meine Möglichkeit aber auch die Verantwortung, Nachrichten nach außen zu tragen und Menschen zu inspirieren. Nachdem die ‚ReCycling Tour‘ großteils in Österreich stattfindet, möchte ich Social Media stark nutzen, um Menschen weltweit zu einem klimafreundlicheren Lifestyle zu inspirieren. In unserem täglich erscheinenden Video-Blog werden wir Episoden über nachhaltige Ernährung, umweltfreundliche Mobilität, Abfallvermeidung und Energie-Effizienz veröffentlichen, stets kombiniert mit Musik und mit positiver Einstellung präsentiert. Für dieses kreative Online-Tagebuch ist unser sechstes Team-Mitglied Simon Rainer verantwortlich, der möglichst viele Erlebnisse und Emotionen auf Kamera einfangen soll.

Die ‚ReCycling Tour‘ ist in vielen Hinsichten ein Experiment. Kann man nach fünf Stunden Radfahren überhaupt ein Konzert spielen? Und das 35 Tage lang? Wie viel Abfall fällt an? Schenkt uns die Sonne genügend Strom? All diese Fragen wollten wir im Mai 2020 beantworten, doch dann verbreitete sich das fiese Virus. Wir verschoben die Tour um ein Jahr und uns blieb noch mehr Zeit für Konzeptverfeinerung und körperliches Training. In diesen zwölf Monaten lernten wir vor allem auch, flexibel zu sein und nichts als selbstverständlich zu nehmen. Am Papier müssten wir die Tour nun wieder verschieben, weil der offizielle Kulturbetrieb noch nicht hochgefahren ist. Wir werden das Abenteuer ‚ReCycling Tour‘ aber trotzdem am 30. April 2021 starten, auch wenn wir die Konzerte teilweise ins Freie verlegen, streamen oder absagen müssen. Wir werden gesetzeskonforme Wege suchen, Musik zu machen und Menschen zu inspirieren. Wir wollen ein klares Statement setzen, denn: Kultur und vor allem Klimatschutz können nicht warten, bis die Pandemie vorbei ist.

www.manudelago.com

recyclingtour2021.com