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Schwere Kost im Schlaraffenland

Mit seinem aktuellen Projekt „Cockaigne“ wirft der Tiroler Fotograf Gregor Sailer nicht weniger als die Frage auf, wie wir die Welt – angesichts von Überbevölkerung und Klimakrise – in Zukunft ernähren können. Er reiste dafür zu Quallen-, Insekten- und Pilzfarmen, besuchte Bioreaktoren zur Algenproduktion und KI-gesteuerte Hightech-Gewächshäuser. Was auf seinen präzise komponierten Bildern wie futuristische Science Fiction aussieht, ist längst Realität. Aber führt es uns auch zu einer ökologisch und sozial gerechteren Lebensmittelproduktion?

Im französischen Amiens steht die größte Insektenfarm der Welt. Vollautomatisiert werden hier in riesigen Hochregalen Mehlwürmer und Soldatenfliegen gezüchtet, die als alternative Proteinquelle auch in Europa immer mehr erforscht werden. Das Innere der unscheinbaren Containerhallen wirkt wie ein Logistikcenter, nur eine Handvoll Menschen arbeitet hier.

 

In Kentucky wachsen in Mega-Gewächshäusern Tomaten, Gurken und Salat in einer Nährstofflösung vollkommen ohne Erde. Diese Anbaumethode braucht vergleichsweise wenig Fläche und bis zu 90 % weniger Wasser als eine konventionelle, dafür ist der Energieverbrauch für die LED-Beleuchtung enorm. Pink und unwirklich strahlt sie nach draußen.

 

Man muss aber gar nicht so weit reisen, um auf die Landwirtschaft von morgen zu treffen. In einer Halle in Niederösterreich werden in 43.000 Glasröhren mit sechs Metern Höhe Mikroalgen gezüchtet und daraus jährlich 20 Tonnen Algenpulver hergestellt – von vielen als das Superfood der Zukunft gepriesen.

 

Ähnliche Betriebe hat Gregor Sailer auch in Island, Frankreich, Deutschland, Finnland und Dänemark besucht und von dort seine futuristisch anmutenden Fotografien mitgebracht. Sie zeigen surreale, sterile, fast unwirkliche Orte, die so gar nichts mit Feld und Stall oder sonstigen Vorstellungen von Nahrungsmittelproduktion zu tun haben.

Die verborgene Welt moderner Lebensmittelproduktion

Vier Jahre war Gregor Sailer, geboren in Schwaz in Tirol, mit seinem aktuellen Fotoprojekt und dem daraus entstandenen Bildband beschäftigt und hat dabei die für ihn typische Hartnäckigkeit an den Tag gelegt. In monatelanger Recherche hat er sich dem Thema angenähert, hat Orte ausfindig gemacht, Genehmigungen eingeholt und sich so Zutritt zur verborgenen Welt moderner Lebensmittelproduktion verschafft. Dorthin nimmt er uns visuell mit und erzeugt ambivalente Empfindungen zwischen Faszination und Verstörung.

 

Und genau das ist es, was er mit seiner Kunst erreichen möchte: „Ich sehe meinen Auftrag darin, eine Tür aufzumachen, einen Zugang zu schaffen, wo sonst keiner wäre, und dadurch den Diskurs anzuregen.“ Ernährung ist ein Thema, das uns wirklich alle angeht und mit dem Titel „Cockaigne“ bezieht sich Sailer dabei auf den mittelalterlichen Mythos des Schlaraffenlandes, wo es Nahrung im Überfluss gab. Doch wie sieht es heute aus, in einer Welt, wo Unterernährung und Überernährung zynischerweise gleichzeitig existieren? Längst wissen wir: Global gesehen leben wir auf Pump und unsere aktuelle Ernährungsform schadet massiv der Gesundheit und Umwelt.

Science Fiction statt Feld und Stall

Im Vorwort des umfangreichen, im Kehrer Verlag erschienenen Buches spricht der Lebensmittelexperte David Julian McClemens über diesen Teufelskreis: Die Lebensmittelproduktion trägt maßgeblich zum Klimawandel bei und wird wiederum durch den Klimawandel in vielen Regionen immer schwieriger. Es braucht Alternativen zum Fleischkonsum und mehr Gerechtigkeit in der Verteilung. Er zeigt den Siegeszug der Agrarindustrie in den letzten 100 Jahren auf und zugleich ihre Schattenseiten und wirft die Frage auf, ob wir im modernen Schlaraffenland endgültig den Bezug zu unseren Lebensmitteln verloren haben.

 

Dieser Eindruck entsteht tatsächlich bei der Betrachtung so mancher von Sailers Fotos, die gigantische, in diffuses Licht getauchte, streng geometrisch abgelichtete Produktionsstätten zeigen. Natürlich spielt hier auch künstlerische Strategie eine Rolle. „Ich suche grundsätzlich im Bild die größtmögliche Reduktion,“ erzählt er. „Das steigert die Surrealität dieser Orte, ebenso wie das Ausblenden von Menschen.“

 

Die Aufnahmen entstehen mit einer analogen Großformatkamera. Dieses sperrige Gerät, mit Ausrüstung oft 30 Kilo schwer, schleppt er – meist allein – an die entlegensten Orte, um dort manchmal nur ein einziges Bild zu schießen. Das sei kräftezehrend und er fragt sich manchmal selbst, wie lang er das noch machen könne, meint Gregor Sailer, um gleich darauf klarzustellen, dass es einfach seine Art zu fotografieren sei. „Es ist ein sehr bewusstes, konzentriertes, ruhiges Arbeiten, ein Komponieren, und ich denke, das sieht man auch am Ergebnis.“

 

Allerdings müsse man sich Zeit nehmen, seine Bilder sind nicht im Vorbeigehen konsumierbar. Tatsächlich gibt es darin immer wieder visuelle Kipppunkte, wo Irritation entsteht, und genau dort beginnt es bei der oder dem Betrachtenden innerlich zu arbeiten.

Zwischen Verheißung und Entfremdung

Mit seiner Kamera hat Gregor Sailer schon so manche unzugängliche, oft gefährliche Gegend besucht, um globale Zusammenhänge aufzuzeigen. Orte der Rohstoffausbeutung, politische Pufferzonen und Kulissenstädte in China, Russland oder der Arktis, hermetisch abgeriegelte Areale für Militär oder Wissenschaft, Orte der Tarnung und Täuschung waren Ziele seiner Reisen.

 

In seiner Heimatstadt Schwaz hat er die unterirdische „Messerschmitthalle“ erkundet, wo während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen in der NS-Rüstungsproduktion arbeiteten.

 

Dennoch sieht sich Sailer nicht als journalistischer Fotograf. Seine Bilder müssten auch ohne Hintergrundinformation funktionieren, und er überlasse es den Betrachter*innen, ob sie einfach die Bildästhetik genießen oder inhaltlich tiefer einsteigen wollen.

 

In Ausstellungen und Vorträgen liefert er diese überaus spannenden Geschichten jedenfalls mit – darunter übrigens nicht nur Verstörendes, sondern auch durchaus Verheißungsvolles. Da ist etwa die Inuit-Gemeinde nördlich des Polarkreises, die in umfunktionierten Schiffscontainern ganzjährig Obst und Gemüse anbaut, eine vertikale Farm in Kopenhagen, die mit Windenergie betrieben wird und keinerlei Emissionen verursacht, Produktionsstätten für pflanzenbasiertes Fleisch, die täglich dieselbe Proteinmenge liefern, wie es 300 Kühe als Nahrungsquelle tun, oder ein jahrhundertealter Food Forest in Marokko.

 

Zugegeben, wenn Gregor Sailer gegen Ende des Buches einen Kameraschwenk auf die Hochsicherheits-Datenzentren macht, die Großkonzerne nutzen, um über Algorithmen unser Essverhalten zu steuern, wird es wieder gruselig. Doch diese Ambivalenz will der Fotograf uns nicht nehmen, er wertet oder moralisiert auch nicht, er nutzt die Mittel der Kunst, um Unbekanntes in den Blick zu rücken.

info

Die Ausstellung „Cockaigne. Schlaraffenland der Zukunft?“ ist ab 11.2.2026 im Naturhistorischen Museum Wien zu sehen. Das gleichnamige Buch ist 2025 im Kehrer Verlag erschienen.

Gregor Sailer

(*1980) arbeitet als freier Fotograf. Seine Arbeiten wurden international ausgestellt, ausgezeichnet und veröffentlicht und befinden sich in zahlreichen Sammlungen. Zahlreiche seiner Fotoserien wurden als Bücher publiziert, zuletzt The Potemkin Village, Unseen Places und The Polar Silk Road im Kehrer Verlag. Der Künstler lebt und arbeitet in Tirol.

Nicola Weber

hat Architektur in Innsbruck, Wien und den USA studiert. Seit 2002 entwickelt sie Projekte und Vermittlungskonzepte in den Feldern Architektur, Stadtraum, Kultur und Design, zuletzt als Geschäftsführerin von WEI SRAUM Designforum Tirol. Sie ist Kuratorin und Kulturjournalistin, gestaltet Ausstellungen und schreibt für Magazine, Fachzeitschriften und Publikationen, zuletzt erschienen: Zwischen den Kontinenten. Ehrentraut Katstaller-Schott, Karl Katstaller und die Architekturmoderne Mittelamerikas (gem. mit Ivona Jelčić).

Algenfarm in Island © Gregor Sailer

Das größte Gewächshaus der Welt steht in Kentucky © Gregor Sailer

Gregor Sailer mit seiner Großformatkamera © Waylon Nahaglulik

Algenfarm in Niederösterreich © Gregor Sailer

Quallenfarm bei Fulda und Insektenfarm in Frankreich © Gregor Sailer

Hydroponische Anbauform in den USA © Gregor Sailer

Gregor Sailers Buch „Cockaigne“ ist 2025 im Kehrer Verlag erschienen.

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