Wie leben wir im öffentlichen Raum zusammen? Wer darf ihn verändern – und wie? Bei der Summer School der Kunst- und Architekturschule bilding im Innsbrucker Rapoldipark stand vom 10. bis 14. August der Perspektivenwechsel im Mittelpunkt.
Luxus für alle
19 Teilnehmer:innen zwischen 22 und 65 Jahren aus unterschiedlichsten Disziplinen diskutierten, experimentierten und erspielten sich neue Sichtweisen auf gemeinsam genutzte Flächen und Räume. „Wohlstand zeigt sich in der Qualität dessen, was allen gehört“, zitiert Teresa Stillebacher, Architektin und Künstlerin aus Innsbruck, den ehemaligen Deutschen Bundespräsidenten Richard Weizsäcker. In den temporären Interventionen im öffentlichen Raum, die sie mit „AA+“ (AestheticAthletics+) entwickelt, ginge es auch darum, das Verständnis von Luxus umzudrehen: Luxus steht allen zu.
So übernachteten Stillebacher und das Kollektiv AA+ zum Beispiel im „größten Bett der Welt“ an der Sill in Innsbruck. An diesem heißen Augustvormittag im bilding, direkt im Rapoldipark, wird mir klar, was mit diesem Luxus gemeint sein könnte: der Schatten eines Parks, der allen offensteht.
Die Leiterin des bilding, Monika Abendstein, hat auch die Summer School mitkonzipiert. Sie erklärt zum Themenfokus auf den öffentlichen Raum: „Wohnraum wird immer kleiner und die Bevölkerung wird immer diverser, sei es durch Altersunterschiede oder kulturelle Unterschiede. Das heißt, es spielt sich wesentlich mehr im öffentlichen Raum ab. Er hat das Potenzial, die Menschen zusammenzubringen, aber es braucht die entsprechende Gestaltung, damit es in eine positive Richtung geht“.
Aber wie verändern wir den öffentlichen Raum nachhaltig und wer bestimmt, ob etwas funktioniert oder nicht? Auch der aus Tirol stammende und in Wien lebende Architekt Simon Oberhammer gab den Teilnehmenden Einblicke in seine Arbeitsweise. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit der Transformation bestehender Substanzen und mit partizipativen Prozessen. „Wir können immer nur eine Situation betrachten und in der aktiv werden. Das kann nicht nur Top-Down, sondern natürlich auch Bottom-Up passieren. Wir versuchen in unserer Arbeit immer möglichst viele Akteur:innen mit einzubeziehen. In einem aktuellen Projekt in Wien ist ein wichtiger Akteur zum Beispiel ein Fluss. Diese multidirektionalen Dialoge sind für mich die Basis für ein Arbeiten auf einem menschlichen Maßstab.“
Auf die Frage, was sie während der Woche in Innsbruck am meisten überrascht hat, muss Teresa Hemmelmann, Architektin in Vorarlberg, erst einmal herzlich lachen. Sie erzählt von ihrer adoptierten Pflanze, einem „Spezies-Streitgespräch“ und von sehr viel „drauflosmachen“. „Mit unserer adoptierten Pflanze haben wir Mikado gespielt. Das sollte das Verständnis fördern, dass die Pflanze auch ein Lebewesen ist, das wir auf Augenhöhe betrachten sollten, und kein Objekt.“ Beate Weyland, Professorin für Pädagogik an der Freien Universität Bozen, hat den Teilnehmer:innen die Pflanzen mitgebracht. In ihrer Forschung geht es um das Ökosystem in Bildungsräumen.
Künstlerin und Schauspielerin Marianna Sonneck vom Berliner Club Real lud am nächsten Tag zu einem „Spezies-Streitgespräch“ in den Rapoldipark. Sie sagt: „Es gibt keinen Raum, in dem wirklich nur Menschen leben. Die Tabula Rasa, wie es in der Architektur oft heißt, gibt es nicht. Gerade im öffentlichen Raum müssen die Bedürfnisse und Perspektiven aller Lebewesen mitbedacht werden.“
Teilnehmerin Teresa nimmt neue Denkanstöße aus der Summer School mit: „Wie man Bürger:innen in Bauprojekte miteinbezieht und Kindern und Jugendlichen Partizipation an Bauprojekten vermittelt, fand ich schon immer spannend. Da nehme ich jedenfalls ein erweitertes Bewusstsein für die unterschiedlichen Menschen und Bedürfnisse mit.“
Monika Abendstein zeigt sich am letzten Workshoptag sehr zufrieden: „Es war ziemlich genau so, wie wir uns das erträumt hatten. Es war inhaltlich extrem spannend, aber auch sehr greifbar. Es gab viel Empathie aller gegenüber den Inhalten, aber auch eine starke soziale Kompetenz der Vortragenden und Teilnehmenden. Und heute haben sich alle unabgesprochen zum Mittagessen im Park im Kreis hingesetzt. Nach fünf Tagen Zusammenarbeit kann es nicht besser zu Ende gehen.“
bilding ist eine Kunst- und Architekturschule für Kinder und Jugendliche mit Hauptsitz im Rapoldipark in Innsbruck. In Workshops und Projekten können sie sich in Malerei, Skulptur, Architektur, Design, Film und Neuen Medien kreativ ausprobieren. Wöchentlich arbeiten rund 250 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 4 und 19 Jahren in den für alle kostenfreien bilding Werkstätten. Die Summer School für Erwachsene soll diesen Ansatz künftig jährlich um eine Woche des Austauschs zwischen unterschiedlichen Generationen und Disziplinen erweitern.
ist freie Journalistin, Sprecherin und Moderatorin aus Tirol. Sie gestaltet Podcasts, schreibt Beiträge und ist als Sprecherin vom Bienenhaus Serfaus bis ins Technische Museum Wien zu hören. In ihrer Arbeit verbindet sie journalistische Neugier mit einem Gespür für gute Gespräche und relevante Themen.