Am 8. September lud Klimakultur Tirol in Kooperation mit den Tiroler Landesmuseen zum Tischgespräch auf den Glungezer. Vier Expertinnen diskutierten mit rund 40 Teilnehmer*innen über ihre Liebe zum Schnee und die Trauer über dessen Vergänglichkeit.
In Gedenken an den Schnee
Still und starr ruhten Schnee und Eis über dem allwinterlich gefrorenen Boden. Die weiße Watte verschluckte die schrillen Laute der Welt und hüllte sie in dumpfe Ruhe. Damals in der Kindheit, in der noch die Pferdeschlitten durchs Dorf glitten und nach der Schule am gefrorenen See die Eislaufschuhe ausgepackt wurden. Heute vermischt sich das frische Weiß nach wenigen Tagen mit schwarzen Stadtabgasen, bis der Regen den grauen Gatsch fortwischt.
„Was ist deine Beziehung zu Schnee?“, fragte am 8. September die Glaziologin Lindsey Nicholson in die Tischrunde. Klimakultur Tirol hatte gemeinsam mit den Tiroler Landesmuseen auf den Glungezer eingeladen – von dort aus gelangen Wanderer und Wanderinnen neuerdings zum „Denkmal für Schnee“, einer Kunstinstallation von der Tiroler Künstlerin Esther Strauß. Begleitet werden sie von einer Audioführung, die Forschungsergebnisse vermittelt und von der Vergänglichkeit von Schnee und Eis erzählt.
Ein großes, majestätisches Ganzes
Die Vergänglichkeit war es, die die rund 40 Besucher*innen der vier Gesprächsrunden im Gasthof Halsmarter beschäftigte. Während in ihrer Kindheit die Winter noch überwiegend weiß waren, mehren sich heute die braun-grauen Wintertage. Hoch oben auf den Bergen bekommt Glaziologin Nicholson auch die Gletscherschmelze unmittelbar mit. Im Halsmarter erzählte sie von ihrer Feldarbeit: „Wenn ich im Eis bin, fühle ich mich der Natur ganz nah. Und ich habe das Gefühl, wir alle, der Gletscher, ich und die anderen Menschen, wir sind alle Teil desselben lebendigen Großen. Alles ist verbunden – und das spüre ich auf Gletschern.“ Wenn sie schmelzen, gehe die Majestät verloren, die Schönheit, das Gefühl, allein vom Sein hochgehoben zu werden. „Wenn ich mir alte Fotos von Gletschern anschaue, fühle ich jetzt schon einen Verlust, weil ich diese Anblicke nicht mehr live erleben darf.“ Und dieses Gefühl von Verlust werde sich künftig verstärken.
Trauern und Verantwortung übernehmen
Wie geht man mit dieser Trauer um etwas um, das noch nicht ganz verloren ist, einem aber mehr und mehr aus den Händen gleitet – genauso wie die Möglichkeit, sich eine lebenswerte Zukunft vorzustellen? Esther Strauß wollte im Halsmarter von den Besucher*innen wissen: „Welche Zukunft wollen wir retten?“ In den Gesprächen an ihrem Tisch dominierte der Wunsch, den kommenden Generationen und den anderen Wesen auf dieser Erde ein gutes Leben zu ermöglichen. Aber ist das überhaupt noch möglich?
„Ich glaube, es ist wichtig, das, was man nicht beeinflussen kann, gehen zu lassen. Und das, was man noch tun kann, zu nutzen“, befand Strauß. Einen Tisch weiter lotete Kathrin Briem von „Protect Our Winters Austria“ konkrete Möglichkeiten aus. Und zwar unter dem Motto „Imperfect Advocacy“: Man muss nicht der/die perfekte Klimaschützer*in sein, um etwas zu bewirken. So sei es leichter, ins Handeln zu kommen, anstatt ohnmächtig und überfordert in Schockstarre zu verharren. Wer beispielsweise immer mit dem Auto zum Berg fährt, könne doch die nächsten zwei Male mit den Öffis fahren. Wer täglich Fleisch isst, könne einen fleischfreien Tag pro Woche einlegen. „Viele kleine Dinge summieren sich. Und so verzweifeln wir nicht an unseren eigenen Perfektionsansprüchen“, so die studierte Nachhaltigkeitsmanagerin.
Das Eis ist voller Leben
Und am Ende geht es nicht nur um uns Menschen, sondern um das von Nicholson angesprochene große Ganze – und das ist sehr lebendig: „Nicht einmal Schnee und Eis sind eine unbelebte Masse“, weiß Birgit Sattler. Die Ökologin unternimmt Expeditionen in Polargebiete und erforscht Kleinstlebewesen im Eis. „Ein Gletscher ist ein riesiger Lebensraum, etwa für Gletscherflöhe, die man schon mit freiem Auge erkennen kann. Da gibt es neben Pilzen auch Algen, die Fotosynthese betreiben und mit dem Zucker Bakterien ernähren. Viren zerlegen Einzeller und gelöster Kohlenstoff wird frei, der weiterverwendet wird. Man kann sich das wie ein Nahrungsnetz vorstellen und alle hängen voneinander ab.“
Im Frühjahr dann färbt sich mancherorts der Schnee blutrot: Ein Zeichen, dass hier Schneealgen am Werk sind. „Von Saharastaub kann man sie auch unterscheiden, indem man den Schnee zusammenschiebt: Er riecht dann wie frische Wassermelone.“ Die Pigmente der Algen wirken wie eine biologische Sonnencreme – und die Biotechnologie ist schon auf sie aufmerksam geworden.
Auch die Medizin erhofft sich wissenschaftliche Fortschritte durch die Erforschung von Schnee und Eis: „Die Bakterien, die im Eis überleben können, frieren immer wieder ein und tauen auf. Möglich machen das spezielle Gefrierschutzproteine, die verhindern, dass sich Eisnadeln bilden, die sich durch die Zellwand bohren. Mit der Genschere kann man diese Proteine in die DNA einbauen – und vielleicht irgendwann ganze Organe einfrieren“, so Sattler.
Der Boomerang fliegt zurück
In Schnee und Eis finden sich aber auch ganz andere Dinge: Solche, die die Menschen über Umwege dorthin gebracht haben. Künstliche Radionukleide von Atombombentests und Reaktorunfällen, Pestizide von den Apfelplantagen in Südtirol, Ewigkeitschemikalien und Mikroplastik.
Berge und Täler bilden einen Kreislauf, und so landet alles, was der Mensch in die Umwelt trägt, wieder vor seiner eigenen Haustüre. Schmelzen die Gletscher, wird etwa das Mikroplastik von den Bächen nach unten transportiert, auf dem Weg wird es immer kleiner und „gängiger“, also leichter aufzunehmen. „Wir nehmen es über die Atmung, die Haut, über Wasser und die Pflanzen, die wir essen, auf. Am Ende haben wir Plastik in unseren inneren Organen. Es ist wie ein Boomerang“, erklärte Sattler in Halsmarter ihrer Tischgruppe.
Eine solidarische Zukunft
Solidarität lautet für Strauß das Wort der Stunde. „Wir leben in einer Gesellschaft, die sich ans Wegwerfen und an Überfluss gewöhnt hat – aber brauchen wir das für unsere Zukunft?“ Vielmehr sollten wir uns fragen, was uns wirklich wichtig ist, und zum Wesentlichen zurückkehren. Eine solche Zukunft will die Künstlerin retten – und sie hofft, dass dann auch künftig noch Schnee fallen wird.
Bis wir wissen, was sein wird, können die bereits und vorsorglich Trauernden zu Strauß‘ Denkmal für Schnee wandern. Start des Weges ist bei der Bergstation der Glungezerbahn, weiter geht es über den Panoramasteig zur Glungezerhütte und dann noch eine dreiviertel Stunde den Grat entlang.
„Denkmal für Schnee“ während der Premierentage
Buchpräsentation und Künstlerinnengespräch „Esther Strauß: Accepting Rides with Strangers“ am 6.11.2026
Treffpunkt Klimakultur auf FREIRAD
Für alle, die am Glungezer nicht dabei sein konnten oder den Treffpunkt nachhören möchten: Die Sendereihe KulturTon hat zwei Sendungen gestaltet! Die Erstausstrahlung ist am 25. und 28. September, jeweils um 18:30 Uhr (z. B. hier im Stream). Die ersten Wiederholungen sind für die darauffolgende Woche am 7. und 8. Oktober geplant.
ist freie Journalistin und Autorin aus Tirol. Nach einem Bachelor in Philosophie, Politikwissenschaft und Ökonomie studiert sie im Master Philosophie. In ihrer Arbeit interessiert sie sich besonders für gesellschaftliche Fragen und dafür, wie Menschen mit sich, miteinander und ihrer Umwelt leben. Wenn sie nicht schreibt, ist sie am liebsten draußen in den Bergen.
Lisa Prazeller (Klimabündnis Tirol) und Anna Amann (Tiroler Landesmuseen) begrüßen das Publikum © Melina Mitternöckler
Tisch 1 mit Esther Strauß zur Frage "Welche Zukunft wollen wir retten?" und Tisch 3 mit Kathrin Briem zur Frage "Welchen Beitrag zum Klimaschutz möchtest du leisten?" © Melina Mitternöckler
Tisch 2 mit Birgit Sattler zur Frage "Welche Fragen beschäftigen dich in Bezug auf Schnee und Wasser?" und Tisch 4 mit Lindsey Nicholson zur Frage "Was ist deine Beziehung zum Schnee?" © Melina Mitternöckler