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Pflanzenbilder auf Wanderschaft

Über die Wanderausstellung Von der Blüte aufs Blatt zum 75. Jubiläum der Alpinen Forschungsstelle Obergurgl

Am 20. Mai machte ich mich abends auf den Weg nach Längenfeld, um der Eröffnung der Ausstellung Von der Blüte aufs Blatt beizuwohnen. Es war mein erster Besuch im Gedächtnisspeicher der Ötztaler Museen, und auch ein eher ungewöhnlicher Ort für eine Veranstaltung der Universität Innsbruck: Statt steriler Räume erwarten mich historische Gewölbe und Stuben, und knarrende Holzböden. Durch die Fenster klingen Glocken, zwischen den Redebeiträgen Muhen die Kühe. Ich finde mich in einer heimeligen Atmosphäre. Wo man sonst bei Universitätsveranstaltungen oft bemüht ist, sich in einer gehobeneren Sprache auszudrücken, fällt hier schnell die Scheu, mit den Vortragenden locker ins Gespräch zu kommen und sich im Dialekt zu unterhalten. So kommt die Forschung aus den Hörsälen in den ländlichen Raum zurück, wo viele ihrer Fragen ihren Ursprung haben.

 

Die Wanderausstellung entstand anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Alpinen Forschungsstelle Obergurgl (AFO). Im Zentrum stehen Pflanzenbilder aus den 1950er Jahren von Hugo M. Schiechtl. In seiner Eröffnungsrede zitierte der Leiter des Instituts für Kunstgeschichte, Philipp Zitzlsperger, Goethe mit den Worten: „Über die Zeichnung begreife ich die Welt“. Das fasst gut zusammen, worum es in dieser Ausstellung geht: um den befruchtenden Zusammenhang zwischen Naturwissenschaft und Kunst.

Hugo M. Schiechtl – eine Scharnierfigur

Für die Kurator*innen Verena Gstir, Lisa Dilitz und Nikolaus Schallhart war Hugo M. Schiechtl (1922-2002) der geeignete Ausgangspunkt: „Er steht direkt an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst“, sagen sie über den Ingenieurbiologen, der Methoden der biologischen Hangverbauung entwickelte und zugleich leidenschaftlich Pflanzen zeichnete.

 

Schiechtls Pflanzendarstellungen sind wertvolle Zeitdokumente, aus denen sich bis heute relevantes Wissen ablesen lässt. Für Dilitz (Museologin) und Gstir (Kunsthistorikerin) stehen sie in einer langen Tradition botanischer Illustrationen, gehen aber über das rein Wissenschaftliche hinaus. Schiechtl habe die Pflanzen „hingebungsvoll komponiert“, Hintergründe gestaltet und den Darstellungen eine eigene Bildsprache verliehen. „Die Zeichnungen haben eine besondere Leuchtkraft“, ergänzt Dilitz. Sie schaffen es, zusätzliches Wissen über die Pflanzen zu transportieren – nicht nur über ihre Form, sondern auch über ihre Wirkung und Präsenz. Sie zeigen, dass genaues Beobachten und Zeichnen selbst eine Form wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung sein kann.

 

Auch für Schallhart, Biologe und Leiter der AFO, besitzen die Zeichnungen einen wissenschaftlichen Mehrwert. Anders als Herbarbelege bewahren sie Farben, Wuchsformen und räumliche Strukturen, die in gepressten Pflanzen zum Teil verloren gehen.

„Für Pflanzen, die eines Tages vielleicht verschwunden sind, könnten solche Darstellungen ebenso wertvoll sein wie jahrzehntealte Herbarbelege.“ ― Nikolaus Schallhart

Von der Natur zur Kultur

In jeder der acht ausgestellten Stationen steht eine für den alpinen Raum bedeutsame Pflanze im Mittelpunkt – von der Zirbe, der Preiselbeere bis zum Edelweiß. Schiechtls Zeichnungen treten mit historischen Belegen aus dem Herbar „Flora der Gurgler Täler“ von Hans Pitschmann und Herbert Reisigl sowie zeitgenössischen Kunstwerken aus der Sammlung des Instituts für Kunstgeschichte, die jeweils einen Bezug zu Tirol aufweisen, in Dialog. Die künstlerischen Werke sollen eine zusätzliche Ebene eröffnen, um naturwissenschaftliche Fragestellungen um gesellschafts- und kulturpolitische Perspektiven erweitern – zum Beispiel: „Wie viel unserer kulturellen Identität sind wir bereit, dem wirtschaftlichen Gewinn zu opfern?“

 

So wird etwa das Edelweiß zum Ausgangspunkt einer Diskussion über Identität. Die als typisch alpin wahrgenommene Pflanze ist botanisch betrachtet eine Migrantin: Sie gelangte während der Eiszeiten aus Asien in den Alpenraum. Die Präsentation der vermeintlich „einheimischen“ Pflanze erzählt so eine Geschichte der Wanderung und Vereinnahmung.

 

Anhand der Preiselbeere wird gezeigt, wie die intensive Hangnutzung – etwa für den Skitourismus – diese für die österreichische Kulinarik so zentrale Pflanze zurückdrängt. Das Kunstobjekt von Christine S. Prantauer fragt: „Was bleibt“ – von der Natur, wenn Technik unreflektiert eingesetzt wird?

Wissenschaft für alle

Ein wichtiger Punkt war den Kurator*innen die Vermittlung. Die Ausstellung entstand gemeinsam mit Studierenden der Kunstgeschichte, die an der Konzeption, Werkauswahl und der Zusammenstellung des Vermittlungsprogramms mitwirkten. „Der Anspruch der Ausstellung ist, dass wir ein breites Publikum ansprechen wollen – jung, alt, egal aus welcher Bildungsschicht“, erklären Dilitz und Gstir.

 

Das Projekt versteht sich als Beitrag zur „Third Mission“ der Universität: Wissenschaft soll nicht nur innerhalb akademischer Räume stattfinden, sondern in die Gesellschaft hineinwirken. Die Wanderausstellung, die sich vom Ötztal zur Universität Innsbruck bewegt, ist Ausdruck dieses Gedankens. Bewusst wurde auf zugängliche Texte, ein farbiges Ausstellungskonzept und ein spielerisches Vermittlungsprogramm gesetzt.

 

Es gehe nicht darum, Inhalte zu vereinfachen, sondern verständlich zu machen. „Die einfache Sprache ist weniger das Problem als der Wunsch nach einfachen Antworten“, sagt Schallhart. Gerade in Klimafragen sei die Versuchung groß, komplexe Zusammenhänge auf einfache Lösungen zu reduzieren. Daher bedeutet verständliche Wissenschaftskommunikation unter anderem auch, die Komplexität und Vielschichtigkeit von Themen begreifbar zu machen.

 

Die Ausstellung plädiert zugleich für mehr Interdisziplinarität in einer Zeit, in der geisteswissenschaftliche und künstlerische Perspektiven vor den naturwissenschaftlichen zunehmend unter Rechtfertigungsdruck geraten. Vorurteile gebe es nicht nur außerhalb der Wissenschaft, sondern auch innerhalb der Universitäten selbst. „Interdisziplinarität in jeder Hinsicht ist einfach ein Mehrwert für alle Beteiligten“, sind sich die Kurator*innen einig. Projekte wie dieses könnten helfen, solche Grenzen und Hierarchien zwischen den Disziplinen abzubauen.

Von Obergurgl in die Universitätsstadt

Die Ausstellung erzählt auch die Geschichte der AFO, an der seit 1951 zu Gletschern, Böden, Pflanzen und alpinen Ökosystemen geforscht wird. Viele Beobachtungsreihen laufen bis heute – es ist gerade die Langzeitperspektive, die den Standort für die Forschung so wertvoll macht. Hier werde untersucht, „wie Klimawandel und menschliche Einflüsse sich auf Biodiversität auswirken“, sagt Schallhart. Die historischen Pflanzenbilder und Herbarbelege dienen dafür als Zeugnisse. Für Schallhart ist die Jubiläumsausstellung keine bloße Rückschau. Vielmehr gehe es darum, „etwas von der Anfangszeit der Forschungsstelle in die Gegenwart zu transportieren“ und gleichzeitig neue Perspektiven für die Zukunft zu eröffnen.

info

Bis 13. September ist die Ausstellung im Gedächtnisspeicher Ötztal zu sehen. Danach wandert sie weiter: Ab 2. Juli mit einer parallelen Intervention in das Alpinum des Botanischen Gartens, am 14. Oktober eröffnet sie im Kunstkeller, dem neuen Ausstellungsraum des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Innsbruck.

Brigitte Anna Egger

ist freischaffende Kuratorin, Kulturarbeiterin und Forscherin. Seit 2013 leitet sie das Publikationsprojekt komplex – KULTURMAGAZIN. 2022 gründete sie den Kulturverein GRUND1535 in Rietz in Tirol, wo sie interdisziplinäre Artist-in-Residence-Programme und kulturelle Veranstaltungen mit Fokus auf Philosophie, Kunst und transdisziplinären Austausch konzipiert und kuratiert. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Innsbruck, promoviert derzeit im Bereich Ästhetik und Kunstphilosophie und ist Mitglied des Doktoratskollegs Dynamiken von Ungleichheit und Differenz. Sie arbeitet an der archivarischen Erforschung des künstlerischen Nachlasses von Lois Weinberger.

Hugo M. Schiechtl: Nivale Flora Obergurgl mit Gletscher-Hahnenfuß (Ranunculus glacialis), 1952, Mischtechnik auf Papier, 28,5 x 37,6 cm, Universitätszentrum Obergurgl, Universität Innsbruck

Ausstellungskurator*innen: Nikolaus Schallhart, Verena Gstir, Lisa Dilitz
Foto: Laura Kogler

Alpine Forschungsstelle und Universitätszentrum Obergurgl („Bundessportheim“), 1950er Jahre
Foto: Bildarchiv der Alpinen Forschungsstelle Obergurgl

Von der Blüte aufs Blatt, Ausstellungsansicht Gedächtnisspeicher Ötztal, Längenfeld
Foto: Ines Graus

Von der Blüte aufs Blatt, Ausstellungsansicht Gedächtnisspeicher Ötztal, Längenfeld
Foto: Ines Graus

links: Herbarbeleg – „Primula glutinosa Wulf, Roßspeik“, gesammelt von H. Pitschmann und H. Reisigl, Juli 1953, Südl. Hohe Wilde, Flora der Gurgler Täler, Herbarium Universität Innsbruck; rechts: Christine S. Prantauer: Was bleibt, 1989, Beton und 6 Acrylglasscheiben mit aufgeklebter Folie, 56 x 26 x 8,5 cm, Dauerleihgabe der Artothek des Bundes am Institut für Kunstgeschichte der Universität Innsbruck
Foto: Robert Gander

Peter Warum: La neige d’aujourd’hui – une citation anachronique. Schnee von heute – ein anachronistisches Zitat, 2001/2003, Acryl, Glas, Wasser, 8-teilig, je 14 x 15 x 9 cm, Dauerleihgabe der Artothek des Bundes am Institut für Kunstgeschichte der Universität Innsbruck
Foto: Robert Gander

Hugo M. Schiechtl: Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea), 1952, Mischtechnik auf Papier, 34 x 45 cm, Universitätszentrum Obergurgl, Universität Innsbruck

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