Klima ist diffus und mehrdeutig, Kunst ideenreich und Kultur der Raum, in dem beides Platz hat. Im kultur*knistern-Interview sprechen die Koordinatorinnen von Klimakultur Tirol Barbara Alt und Lisa Prazeller über die Errungenschaften ihrer Arbeit, Kunst, die sie zum Weinen gebracht hat und warum es sich lohnt, weiterzumachen.
Fehlt uns die Vorstellungskraft?
Welches eurer Formate kommt besonders gut an und woran glaubt ihr, liegt das?
Ich freue mich, dass viele Kultureinrichtungen Lust haben, bei den “Tagen der Klimakultur” mitzumachen. Bei anderen Akteur:innen ist das viel schwieriger. Gemeinden sind z.B. oft sehr überlastet und haben keine Ressourcen. Letztes Jahr hatten wir ca. 50 Kulturevents im Oktober in allen Bezirken Tirols. Dass es da so großen Zuspruch gibt, ist mein Highlight.
Auch unsere „Treffpunkte Klimakultur“ funktionieren gut. Letztes Jahr war in Kitzbühel die slowenische Autorin Nataša Kramberger eingeladen. Sie las aus ihrem Roman Mauerpfeffer, der sich mit nachhaltiger Landwirtschaft beschäftigt. Auf dem Podium saßen noch drei Bäuerinnen aus der Region, die eher konventionelle Landwirtschaft betreiben. Das Publikum war dadurch auch ein ganz anderes, als wir es normalerweise haben. Für mich war das ein total spannender und inspirierender Abend mit einem ganz neuen Blick auf die Klimakultur.
Wurde es bei der Diskussion laut?
Das haben wir ursprünglich befürchtet. Doch letztendlich sind die Gemeinsamkeiten in ihren unterschiedlichen Landwirtschaften in den Vordergrund gerückt.
Was sind neue Perspektiven auf die Zukunft durch Klimakultur?
Für mich war ein Aha-Erlebnis der zweite Treffpunkt 2023, wo wir über die Vorstellungskraft gesprochen haben. Sie ist die eigentliche Hemmschwelle. Die Lösungen, um die Folgen der Klimakrise zu mildern, sind schon da. Viele haben aber die Sorge, dass man auf Dinge verzichten und seine persönliche Freiheit einschränken muss. Wir können uns dabei oft nicht vorstellen, dass wir viel dazu gewinnen könnten, wenn wir neue Modelle ausprobieren und wieder mehr auf das Miteinander setzen.
Meine Vorstellungskraft ist beispielsweise im städtischen Kontext viel einfacher anzukurbeln, weil ich in der Stadt lebe: Autofreie Innenstädte, mehr Grün, mehr Menschen auf den Straßen zu Fuß mit dem Rad oder Lastenrädern…
Welchen Themen sollte im Kulturbetrieb mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden?
Vor ein paar Jahren hätte ich gesagt auf Klima. Da gab es kaum künstlerische Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsthemen. Mittlerweile ist das Thema in der Mitte des Kulturbetriebs angekommen. Klar, wir haben die Klimakultur-Brille auf – ich bin mir aber sicher, dass es da eine schnelle Entwicklung gab.
Mir fällt das Thema Community ein. Als Community können wir sehr viel bewegen. Das sollten wir nicht aus den Augen verlieren.
Welche Kunst zu Klima-Themen sollte man sich unbedingt anschauen?
Das Theaterstück “und alle tiere rufen: dieser titel rettet die welt auch nicht mehr” von Thomas Köck, welches letztes Jahr im Brux aufgeführt wurde, hat mich sehr berührt. Es ging um das Thema Artensterben. Ich habe das ganze Stück lang durchgeheult. Es macht einfach einen großen Unterschied, ob ich das in der Zeitung lese, die Zahlen und Fakten kenne oder ob eine Performance hingelegt wird, die einem in Erinnerung bleibt. Das war für mich ein Gänsehautmoment.
Ich mag Klimaliteratur, wie die Bücher von T. C. Boyle, welche die Auswirkungen der Klimakrise bewegend aufzeigen. Oder das Konzept des Forumtheaters, das wir 2023 mit dem Theaterpädagogen Armin Staffler umgesetzt haben. Dafür kam eine Gruppe von Laienschauspieler:innen zusammen und erarbeitete gemeinsam ein Stück, bei dem sich das Publikum bei der Vorstellung einmischen konnte. Durch die verschiedenen Rollen wie Bürgermeister, Landwirt oder Umweltaktivistin, bekommt man mehr Verständnis für andere Positionen. Ich glaube, das braucht’s in der Klimadebatte, weil die Fronten oft so verhärtet sind.
Kultur*knistern ist ein Blog, der Lust auf Kunst und Kultur macht. Die Autor:innen zeigen, was gerade spannend ist, geben Tipps und helfen dabei, einfach mal Neues auszuprobieren. Kultur soll hier nicht kompliziert sein, sondern neugierig machen und Spaß bringen. Denn: KULTUR IST FÜR ALLE DA!