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Die Rückkehr des Cyborg

Wie uns die Mischwesen einen anderen Blick auf Mensch, Natur und die Klimakrise eröffnen

Die Besetzung der Hainburger Au in den 1980er Jahren als Reaktion auf den geplanten Bau eines Laufwasserkraftwerkes hat sich in das kollektive Gedächtnis Österreichs eingeschrieben. Denn aus der Besetzung ging nicht nur der Nationalpark “Donau-Auen” hervor, sondern auch eine neue Umweltbewegung und die Partei “Die Grünen”.1 Heute, nach rund vierzig Jahren, sind die Wiener Donauauen erneut Gegenstand öffentlicher Debatten. Grund dafür ist diesmal kein Kraftwerk, sondern der geplante Bau einer Schnellstraße durch die “Lobau” – ein Teilabschnitt des Nationalparks und ein wichtiges Naherholungsgebiet für die Wiener Bevölkerung. Erneut sind es Menschen aus der Zivilgesellschaft, die den politischen Plänen Einhalt gebieten, zum Beispiel in Form des Protestcamps “Lobau bleibt!”, welches im Winter 2021 errichtet und einige Monate später durch die Polizei geräumt wurde.2 Weil Verantwortliche weiterhin am Bau der Schnellstraße festhalten, gehen die Auseinandersetzungen um die Lobau weiter.

Im anhaltenden Ringen um die Donauauen tummeln sich dort neben Aktivist*innen auch eine Vielzahl anderer Akteur*innen.

Dazu zählen die Künstlerin und Gewässerökologin Christina Gruber, die Kulturwissenschaftlerin Julia Grillmayr sowie die Kuratorin und Umwelthistorikerin Sophia Rut. Gemeinsam bilden sie das Kollektiv “Lobau Listening Comprehension” (LLC), das die Wiener Donauauen orts-spezifisch untersucht. Sie verflechten ihre verschiedenen Disziplinen mit menschlichen und mehr-als-menschlichen Stimmen aus der Lobau, um ein vielschichtiges Porträt dieser Landschaft zwischen Vergangenheit, Gegenwart und möglichen Zukünften entstehen zu lassen.

Seit der Gründung im Jahr des Lobau Camps haben sich die Aktivitäten des Kollektivs in unterschiedlichen Formaten mit einem Schwerpunkt auf akustische Medien manifestiert – von geführten Spaziergängen, Radtouren und Exkursionen durch die Lobau, Workshops, Lesungen und Vorträgen bis hin zu Symposien, einem Hörspiel und der Ausstellung “Lobau Lauschen” im Wiener Volkskundemuseum.3 Diese Ausstellung bildet den Abschluss der ersten Phase von LLC, führt Versatzstücke deren kontinuierlicher Praxis in einem Raum zusammen und macht diese auf vielfältige Weise erlebbar. Dazu zählen: ausgewähltes Archivmaterial der beiden Au-Besetzungen samt Rückblick auf das ehemalige Lobau Museum; eine akustische Sammlung von Interviews, persönlichen Erzählungen und Texten, welche die Entwicklung der Donaulandschaft über die Jahrhunderte nachzeichnen; eine Multispezies-Leseecke mit relevanten Büchern zu Donau und Wasser-Ökosystemen rund um Wien;4 eine Sammlung und Sammelstelle von Liebesbriefen an die Lobau5; sowie eine Hörstation mit Wahrnehmungsübungen und Soundscapes, präsentiert durch Soundskulptur “Gerti”.

Gerti steht als Verflechtung von handgeformten Tonelementen, Kabeln, Platinen und Lautsprechern sinnbildlich für den Begriff des “Cyborg”, welchen sich die feministische Historikerin Donna Haraway in ihrem gleichnamigen, 1985 erschienenen Manifest als emanzipatorisches Subjekt aneignete. Haraway argumentiert darin gegen binäre Kategorien und Dualismen – wie etwa zwischen Mensch, Tier und Maschine, Organismus und Technologie, Natur und Kultur, sowie Zivilisation und Wildnis. Diese Dualismen, so Haraway, ermöglichen die fortwährende Ausbeutung von Mensch und Planet.

In der Arbeit von LLC wird so auch die Lobau kurzerhand zum Cyborg: In der Auenlandschaft finden sich neben dem scheinbaren Idyll aus Wald, Wiesen, Mooren und ihren mehr-als-menschlichen Bewohner*innen nämlich auch unzählige Spuren anderer Eingriffe – beginnend bei den ab 1870 erfolgten Donauregulierungen (welche die Lobau bis heute vom Flusswasser abtrennen und so willentlich langsam austrocknen lassen), der Errichtung eines großen Ölhafens durch die OMV am Rande des Naturschutzgebietes bis hin zu den Gräben des durch die Nationalsozialisten unter Einsatz von Zwangsarbeiter*innen begonnenen Donau-Oder Kanal-Baus – um die prominentesten zu nennen. Die Lobau entzieht sich dabei exemplarisch einem Bild von Natur als das Gute, Reine und Schöne. Sie wird zur menschlich überformten, hybriden Landschaft, deren Schützenswürdigkeit gerade deshalb auch so gerne angezweifelt wird. Genau hier hakt LLC ein und fragt, wie wir Wertschätzung für Orte wie die Lobau entwickeln können, die auf den ersten Blick nicht so einfach zu lieben sind.6 „Durch Affirmation statt Romantisierung“, meint Julia Grillmayr im Rahmen einer Begleitveranstaltung zur Ausstellung.7 Hört man Gerti nämlich genau zu, erkennt man im Hintergrund von Vogelgezwitscher und Wasserrauschen auch das Surren von Stromleitungen, den Lärm eines Tankers bei der Hafeneinfahrt oder den Klang von Trockenheit nach einem langen Hitzesommer.

Doch was heißt das für unsere Vorstellung von Umweltschutz und den scheinbar alternativlosen Maßnahmen gegen die Klimakrise – in Zeiten, in denen sich Mikroplastik im arktischen Schelfeis findet8, Obstplantagen mit Drohnen bestäubt werden sollen9, Ausgleichsflächen für Wasserkraftwerke mit Baggern präpariert werden10, Kinder in Kobalt-Minen zur Herstellung von Batteriespeichern arbeiten11, indigene Lebensgrundlagen von “Greengrabbing” zerstört werden12, Pestizide unsere Organismen durchdringen13, Ewigkeitschemikalien auf Almwiesen lagern14 oder überlebenswichtiges Saatgut im großen Stil patentiert und genetisch verändert wird (…)15 – kurzum, in Zeiten, in denen das Cyborghafte der Lobau mit offenen Augen auch an anderen Stellen nicht mehr übersehen werden kann?

 

Die Arbeit von LLC hält dafür keine Antworten bereit, sondern legt intime Zugänge, die dabei helfen können, uns den Widersprüchen unserer Verflechtungen in Ehrfurcht und Bewusstsein unserer Kompliz*innenschaft anzunehmen – vielleicht im Sinne Bayo Akomolafes, der in seinem Essay “What climate collapse asks of us” schreibt: “The way isn’t forward, it’s awkward”.16

Referenzen

 

1 Auch fernab der Donauufer beziehen sich Akteur*innen aus Umwelt- und Naturschutz immer wieder auf die Hainburger Besetzung. So auch das 2024 gegründete Netzwerk “PAN – Protect Alpine Nature”, ein Zusammenschluss von 15 Organisationen aus drei Alpenländern, die bei der Gründungs-Pressekonferenz (unter anderem in Bezugnahme auf den geplanten Kraftwerksbau im Tiroler Kaunertal und den laufenden Plänen zu Skigebiets-Zusammenschließungen) verlauten ließen: “Ein neues Hainburg ist nicht ausgeschlossen”. Mehr Infos hier.

 

2 Eine weitere Besetzung findet momentan im Westen Wiens (abseits der Donau) statt. Dort ist für Herbst 2024 eine großräumige Umfahrungsstraße auf fruchtbaren Natura2000 Acker- und Wasserflächen bei Wiener Neustadt geplant. Menschen aus der Zivilgesellschaft haben deshalb auf einem durch lokale Landwirt*innen zur Verfügung gestellten Acker (dem Fischacker) ein Protestcamp errichtet. Mehr Infos auf Instagram unter @fisch.acker

 

3 Das Wiener Volkskundemuseum befindet sich in Vorbereitung anstehender Renovierungsarbeiten unter dem Titel “Wendezeit” gerade in einer kuratierten Zwischennutzung durch die lokale Szene. Mehr Infos zum Programm hier.

 

4 Darunter eine von Herwig Turk und Gebhard Sengmüller veröffentlichte Publikation zu “Schichtwechsel im Lückenraum” – eine weitere künstlerische Forschungsarbeit zur Donau. Der Künstler Herwig Turk wurde kürzlich von Lungomare (welche die neue visuelle Identität von Klimakultur Tirol gestaltet haben) nach Südtirol eingeladen, um im Rahmen von “FLUX – Aktionen und Untersuchungen entlang der Flüsse” die Bozner Flusslandschaft künstlerisch zu erforschen. Mehr Infos hier.

 

5 Ähnlich der im Rahmen des “Lehrgang Klimakultur” verfassten Liebesbriefe an die Straßenbahn. Designerin Alexandra Fruhstorfer, welche sich für die Konzeption des letzten Lehrgang-Moduls verantwortlich zeigte, ist auch Teil eines Kunst- und Designkollektivs, das sich unter dem Namen “Danube Transformation Agency” unter anderem auch mit den Donaulandschaften auseinandersetzt.

 

6 Mehr über den in der Arbeit von LLC verhandelten anti-puristischen Naturbegriff findet sich in Alexis Shotwells Buch “Against Purity: Living Ethically in Compromised Times” (nur in Englisch verfügbar).

 

7 Unter anderem mit einem Vortrag von “Toxic Temple”, dem neben Künstlerin und Ökologin Sabrina Rosina und Philosoph Kilian Jörg auch die Tiroler Künstlerin Anna Lerchbaumer angehört. Mehr Infos zu deren 2022 veröffentlichten Buch (mit einem Beitrag von LLC Co-Gründerin Julia Grillmayr) hier. Und wem im Schrein des Toxic Temple noch nicht genügend Giftiges lagert, dem sei ein Ausflug auf die Mülldeponie mit Philosoph Slavoj Zizek empfohlen (aus der Dokumentation “Examined Life: Philosophy is in the Streets”).

 

8 Der Spiegel – Studie: Auch die Arktis ist mit Mikroplastik belastet

9 National Geographic – Roboter-Bienen: Kann Technik die Arbeit von Insekten ersetzen?

10 Tiwag – Umweltvorzeigeprojekt in Langkampfen erfolgreich umgesetzt

11 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – Kinderarbeit im Rohstoffsektor

12 Zeitschrift Rosa Luxemburg – Grünen Kolonialismus überwinden

13 Heinrich Böll Stiftung – Pestizide: Schwere Folgen für die Gesundheit

14 Cipra International – Giftige Chemikalien auch in Skigebieten

15 Weltagrarbericht – Saatgut und Patente auf Leben

16 Bayo Akomolafe – What climate collapse asks of us

© Kollektiv Fischka/Kramar, VKM Wien

2 © Leon Höllhumer

© LLC

© Blazej Kotowski

© Kollektiv Fischka/Kramar, VKM Wien

© LLC

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