„Community feels good“ – neunzehn künstlerische Positionen und das Kollektiv Alpine Changemaker Network zeigen auf der Fort Biennale in Franzensfeste Perspektiven der Togetherness in Zeiten der Krise. Ein Rundgang durch die klug kuratierte Schau Reclaiming Collective.
Denken, spielen, tanzen, handeln – die Gemeinschaft als Strategie
Das Rauschen der nahen Autobahn ist allgegenwärtig, ebenso wie die demonstrative Wehrhaftigkeit dieser gewaltigen Anlage österreichischer Kriegsarchitektur, die schon gleich nach ihrer Fertigstellung 1883 aufgrund geopolitischer Veränderungen obsolet wurde. Die Festung Franzensfeste (1) ist ein seltsam absurder Ort zwischen historischer Aufladung und Transitinfrastruktur, der geradezu herausfordert, ihn thematisch zu konterkarieren, was seit 2008 in Form von Kunst und Kultur auch regelmäßig passiert.
Die geopolitische Weltlage ist auch heute enormen Veränderungen unterworfen und sie ist mit ein Grund für die brennenden Themen der Gegenwart – von der Ausbreitung autoritärer Systeme über die Klimakrise bis zur Krise der Menschenrechte und der Erosion zwischenmenschlicher Beziehungen. Als „Polykrise“ wird die Situation oft beschrieben, eine nicht gerade Mut machende Diagnose. Dem setzt die Ausstellung Reclaiming Collective die Kraft der Gemeinschaft entgegen und macht Alternativen zum Trennenden sichtbar: positive Allianzen, Teilhabe und Empathie.
Das Kurator*innentrio Hannes Egger, Andrea Lerda und Veronika Vascotto (1) legt die „Reise rund um das Konzept der „Togetherness“ in vier Kapiteln an und beginnt – gleich hinter Dan Perjovschis visuellem Eingangsportal – mit „Think“, dem Denken. Die hier in künstlerischen Positionen erdachten Utopien einer idealen Welt skizzieren sie wortgewaltig im Wandtext:
„Ein Ort, an dem sich aus der Asche des Patriarchats und des Technokapitalismus mit seinen Grenzen und Hürden eine neue, starke, vom Geist sozialer Mutterschaft und der Fürsorge für das „Andere“ geprägte Gesellschaft erhebt.“
Das Künstler*innenkollektiv Mali Weil aus dem Trentino sieht darin eine neue Form der Beziehung zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen und erzählt im Video Rituals von der Figur des Diplomaten bzw. der Diplomatin, die zwischen den Spezies vermittelt. Ein Wandteppich stellt diese unhierarchisch verwobene Lebensgemeinschaft überaus kunstvoll dar, silberfadendurchwirkt und visuell zwischen wissenschaftlicher Illustration und mythologischer Verdichtung angesiedelt. Die eindrucksvolle Tapisserie scheint, als wäre sie schon immer in den historischen Räumen gehangen.(2)
Überhaupt erzeugt die Verwebung von zeitgenössischer Kunst mit den atmosphärisch vielfältigen Gewölben und Gängen der Festung eine sehr spezielle Spannung; kein White Cube für die Kunst, sondern ein starker Resonanzraum, der immer wieder auch die Landschaft und Architektur mit einbezieht.
In den Arbeiten der Osttiroler Künstlerin Rosemarie Lukasser wiederum ist die Utopie eine trügerische. Ihre wie in Kaufhausregalen ausgestellten, gekrümmten Gipsskulpturen sind Figuren im digitalen Hyperspace, die der Verlockung einer Netz-Community erlegen sind, die am Ende Isolation statt Gemeinschaft bedeutet.(3) Dass es beim Thema Verbindung notgedrungen auch um deren Gegenteil, die Grenze, die (unfreiwillige) Trennung gehen muss, zeigen Arbeiten wie jene von Maria Walcher und Micol Roubini. Walcher überlagert in Stick- und Drucktechnik auf einer Wolldecke die uralten Transhumanz-Pfade von Schafhirten mit den Flüchtlingsrouten von 2015. Rubini begibt sich zur ethnolinguistischen Recherche an die Grenze zwischen Italien und Frankreich und macht in Kinderstimmen das Brigasque hörbar, einen fast verschwundenen Dialekt zweier benachbarter Täler.
Ganz anders thematisiert die italienische Künstlerin Marinella Senatore die Kraft des Kollektiven. Sie fordert auf, den öffentlichen Raum als Ort für Protest, Empowerment und Emanzipation zurückzuerobern und schickt in einer knallbunten Lichtinstallation die lustvolle Botschaft „The Word Community Feels Good“.(4)
Wer tiefer in die Theorie der Begriffe Think, Play, Dance und Act eintauchen will, die den klug entwickelten roten Faden durch die Ausstellung bilden, dem liefern Forscher*innen der Eurac Bozen ergänzenden Lesestoff (den man, weil spannend, lieber als Handout denn als Wandtext konsumieren würde). Wie sich utopisches Denken über Jahrhunderte gewandelt hat, oder wie „Nowtopias“ als praxisorientierte Labore der Transformation funktionieren, ist hier ebenso zu lesen wie Hintergründe über das Spiel als Methode, um Hierarchien außer Kraft zu setzen.
Die Frage, was geschieht, wenn Menschen aufhören sich etwas vorzuspielen und stattdessen anfangen miteinander zu spielen, stellt sich im Beitrag des Künstlers Michael Fliri. Mit Masken arbeitet er schon lange; die hier ausgestellten beruhen auf Gesichtserkennungssoftware und sind – sehr amüsant zu beobachten – nur durch Interaktion benutzbar. Der Gummizug, der die Maske am Gesicht hält, ist nämlich mehrere Meter lang und muss von einer zweiten Person in Spannung gehalten werden.(5) Abhängigkeit, Gleichgewicht und Kooperation stecken thematisch in diesem einfachen Setting. Besonders spannend ist auch das Raumforschungsprojekt von Museo Wunderkammer, das Einwohner*innen von Franzensfeste zur kollektiven Namensgebung für zwei künstliche Orte einlud, den Stausee von 1940 und einen Hügel aus Abbruchmaterial des Brenner Basistunnels. Ein Raum für kollektive Erinnerung und symbolische Rückeroberung war geschaffen und Namen wie Terence Hill oder Brustwarzenspitze geboren.
Der räumliche Rhythmus der Festungsanlage, durch präzise moderne Eingriffe 2008 noch gesteigert, überlagert sich im Abschnitt Dance mit dem Rhythmus von Klanglandschaften und führt schließlich zu Act, wo das überregionale Bündnis Alpine Changemaker Network im Mittelpunkt steht.(6) Lisa Mazza von der Bozner Initiative BAU erklärt deren Intention:
„Wir arbeiten als Organisationen in unterschiedlichen Dörfern und Städten des Alpenraums und nutzen die Kraft von Kunst, Kultur, Wissenschaft und zivilgesellschaftlichem Engagement, um Veränderungsprozesse zu gestalten. Wir agieren dabei experimentell und immer lokal verankert.“
Auf einer großformatigen textilen Landkarte sind diese „living labs“, aktuell 23 an der Zahl und ihre Beziehung zueinander dargestellt, darunter die Basis Vinschgau, Lungomare, der Openspace in Innsbruck, der Wattener Neuwirt, das Engadiner Somalgors74 und universitäre Partner. Auch verbindende Methoden und Formate sind angedeutet, wie Leerstandsaktivierungen oder die Erforschung alternativer Wirtschaftsformen. Voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu stärken sei zentral, sagt Mazza: „Wir alle wollen einen Beitrag dazu leisten, eine bessere Zukunft zu entwickeln.“ Ein Anspruch, der letztlich für die gesamte Fort Biennale gelten kann.
Fort Biennale 2026
Reclaiming Collective
noch bis 8.11.in der Festung Franzensfeste
hat Architektur in Innsbruck, Wien und den USA studiert. Seit 2002 entwickelt sie Projekte und Vermittlungskonzepte in den Feldern Architektur, Stadtraum, Kultur und Design, zuletzt als Geschäftsführerin von WEI SRAUM Designforum Tirol. Sie ist Kuratorin und Kulturjournalistin, gestaltet Ausstellungen und schreibt für Magazine, Fachzeitschriften und Publikationen, zuletzt erschienen: Zwischen den Kontinenten. Ehrentraut Katstaller-Schott, Karl Katstaller und die Architekturmoderne Mittelamerikas (gem. mit Ivona Jelčić).